Berlin: Tage im Leben des Albert K.
Am Tag danach: Nacht im Kiez ( Erster Teil)
Ich gehe schon eine weile, bis ich sie sehe. Vor der Hauswand ist es dunkel. Neben mir kleine Schilder mit schwarzen Nummern. In der Ferne schimmert es gelblich und ein roter Punkt leuchtet grell. Davor heben sich bewegliche Schatten ab. Einige sind kleiner und unbeweglich. Geräusche entwickeln sich zu Stimmen. Ich gehe und sehe jetzt runde Schatten vor mir sitzen. Sie unterhalten sich angeregt. Es sind drei Frauen. Ich gehe vorbei zur offenen Tür, sie riecht nach kaltem Qualm. Über ihr klappert ein Lüfter hastig. Ich will mich setzten und suche einen Platz. Links neben der Tür ist eine Hauswand mit einem grossen Fenster. Dort sitzen auch Männer an Tischen. Mein suchender Blick wird unsicher. Sie blicken zu mir. Ich mühe mich einen Platz zu finden und gehe dann hinein. Der Tresen erscheint nach vier Schritten vor mir und ist auch voll. Nur in der Mitte lockt eine schmale Stelle. Auf einem Sofa sitzt ne Blonde und ein Androgyn. Ich zweifle, gehe zur Lücke und blicke hindurch – auf Atalante. Sie bemerkt mich und verschwindet. Ich warte.
Links von mir stehen zwei Männer, die auch auf etwas warten. Von der Wand schallt Musik. Sie ist italienisch, wie das Lokal. Eine neue Melodie setzt ein. Plötzlich werde ich von unten angesprochen. Vor mir steht Atalante und sagt: “prego“. Gleichzeitig blicken mich zwei dunkle ernste Augen an. Sie schauen zu mir auf. Ich antworte unsicher mit: „hi“. Sie wirkt jetzt sanfter und erwidert: „buonasera“. Dann schweigen wir. Es kommt mir lange vor. Die zwei Männer wurden still. Ihre Köpfe gierten über den Tresen. Atalante fragt mich: „lieblich oder trocken?“. Diese Frage wollte ich nicht beantworten und wies mit meiner rechten Hand nach draussen und sagte: „ Giovanni weiss das“. Ich zweifle an der Art mich mitzuteilen. Sie merkte das und sagte:„Aber du wirst doch wissen wohl, trocken oder nicht? Albert!“ Ihre dunklen Augen schauen mich unbeweglich an und machen aus mir einen Spagetti-Auflauf. Einer von den Männern möchte seinen Witz ihr mitteilen und prustet lustvoll über den Tresen. Der Andere hatte eine bessere Kindheit erlebt. Ich schwieg auch, aber aus anderen Gründen. Meine Augen sind starr und die Wimpern wehren sich nicht. Atalante verstand sofort. Die beiden Männer machten nicht den Eindruck. Sie warten auf ihren nächsten Auftritt. Ein italienischer Schlager verstärkt ihre Hoffnung. Ich drehte meinen Kopf nach links, wo das Sofa am grossen Fenster steht. Dort finde ich den Androgyn. Mein rechtes Ohr fängt eine sanfte Stimme ein. „ Willst du nicht kosten einfach?“ Ich drehe mich um und nicke. Atalante giesst ein und schaut mich an, ihre Augen sind fast freundlich. Sie setzt das Glas langsam auf den Tresen. Sechs Augen begleiten den Akt, während meine den Androgyn aufsuchen. Es ist eine Frau. Enttäuscht denke ich und greife zum Glas; die Nächste in Erwartung. Aber sie stellt sich nicht ein, denn der Wein schmeckte wie von Giovanni. Eine ferne Enttäuschung und meine nahe Verwunderung trafen in meinem Gesichtsausdruck zusammen. Ein komisches Bild, muss ich abgeben.
Die Theke an der ich stehe, hat einen Winkel nach rechts. Sie führt nah an der Wand entlang, der Toilette entgegen. Zwischen Wand und Theke sitzen zwei Männer. Den Ersten sehe ich von hinten, es ist Florian. Sein Gesprächspartner hat runde Wangen und schaut durch eine Brille. Er zieht an seiner Zigarre und hebt dabei das Kinn. Schwaden von Rauch züngeln langsam aus seinem Mund. Sein Gesicht bleibt ohne Regung und seine Brille erinnert mich an ein Wirtschaftswunder. Ludwig Erhard ist auferstanden. Mein Weg führt zum Gestern des jetzt. Meine Turnschuhe sind von heute und bequem. Sie tragen mich durch den Schlauch, bis zum Ende, wo Florian schon lächelt. Er versteht sich mit jedem. Unsere Hände habe die gleiche Temperatur. Er stellt mich Ludwig vor, der Edwin heisst. Er gibt mir die rechte Hand, woraus seine Zigarre glüht. Seine Verlegenheit verzerrte sein Ebenbild. Edwin lächelte wie ein Wunderkind und gibt mir seine Linke. Die Finger daran sind prall wie Bockwürste. Die Haut entspricht der Haptik nicht. Behäbig bittet er mich um Verständnis. Ich antworte verständig: „Verstehe: ZigarrenEthik.“ Lächelnd, wende ich mich zu Florian und empfehle mich.
In meiner Hose vibriert es. Angenehm greife ich in meine Tasche und drücke auf Empfang. Ich: „Hallo?“. Eine Frau antwortet: „Windhund komme endlich: ich warte auf dich.“ Es ist Aletheia. Sie redet weiter, was sie immer tut. Ich höre ihr geduldig zu und vermisse schon das vibrieren. Nach einigen Sätzen kam ich in ihr Spiel: „ Wann kommst du?“ Ich antworte wie immer: “Gar nicht.“ Sie argumentiert: „Aber du musst den Einbrecher überführen, er bedroht unser Häuschen!“ Meine Stirn faltet sich und die Knie knicken nach vorn. Ein Barhocker fängt mich auf, der nun auf meinem Hintern sitzt.
Ich antworte nicht, was sie weiter reden lässt.
„Er schleicht jede Nacht, um unser heiliges Häuschen. Ich habe Bruder Georg schon um Hilfe gebeten, doch der kann von seinem Kloster nicht weg. Windhund! – komm endlich und beschütze dein Haus!“ Pause.
„ Schlappohr, komm endlich, – du bekommst auch dein Geld; gleich, wenn du hier bist.“
Ich könne jeder Zeit kommen, höre ich dazu: „ Setzt dich morgen in den Zug und komm!“ , das wäre das Beste für dich, spricht Aletheia. Ok, dachte ich; nicht‘s Neues, nur Bekanntes von der heiligen Anstalt.
„ Du bekommst das Geld wirklich!“, wiederholt sie eindringlich.
„ Nur nicht über dein Konto, dass wäre nicht gut. Ich muss es dir persönlich geben! – aber du bekommst es bestimmt, dass schwöre ich dir: beim alten Bruder Georg.“
Ich frage: „ Wer ist das?“
Aletheia war erstaunt und mütterlich gerührt, setzt hinzu: „Aber du besitzt doch die heilige Bibel von Bruder Georg, die ich dir geschenkt habe. Oder hasst du sie dem hässlichen Mondgesicht geschenkt!“ Bei den Worten ist mir nicht wohl.
„ Aletheia, ich stehe in meiner Kneipe und der Anblick meines Weines, engt den Geist ein und meine Augen, die sich befeuchten. Ich weine vor Begierde, den heiligen Tropfen endlich, in Friede und im Einklang mit der Heiligkeit, trinken zu dürfen!“
Sie, die heilige Himmelsfrau reagiert verwundert und hebt ihre Stimme, wie von einem Baume zwitschernd:
„Hasst du gekifft! Windhund?“
Dabei steigert sie ihre Stimme, wie eine Amsel, gleichwohl im hohen Tone, kaum endend. Ich fühle mich überspannt, doch antworte ich wie ein entspannter Bruder:„Aletheia!“ , setze eine Pause hinzu und meine: „Du gibst mir die Kohle ohnehin nicht, und das weisst du auch.“
„ Nein!“ schallte sie aufgewühlt: „ Ich schwöre dir, du bekommst dein Geld! Das schwöre ich, nicht nur beim Bruder Georg, sondern auch bei meinem guten Krebs! Du weisst was das bedeutet, wenn ich das sage! – Der alte Krebs, wie du weisst, war mein alter Hund, auf den ich mich immer verlassen konnte, wie du auf mich jetzt: bestimmt!“
Sie legt eine kurze Pause ein. Ich schaue an die Decke, in qualmige Spinnweben und bete in die höh: „ Oh, gütiger Gott.“
Aletheia ist über meine Antwort erfreut und spricht samten weiter:“ Na siehst du, lieber Windhund, du kannst dich auf mich verlassen, wie ich mich auf den alten Krebs und auch Bruder Georg, verlassen konnte. Jawohl, auf die heilige Bibel und den guten alten Hund. Daher musst du mir vertrauen und, wenn du kommst, etwas ganz wichtiges mitbringen. Das brauchen wir hier unbedingt; du weisst schon wofür.“
„Was?“, frage ich wissend.
„Du weisst schon, die kleinen Dinger vom letzten mal, damit wir uns verteidigen können.“
Ich frage nochmals: „Was meinst du eigentlich – Bienchen!“
So nenne ich sie, wenn Aletheia für mich auf ihrer Bühne steht; zu meinem Text spricht und mich schadenfroh erfreut.
„ Du weisst schon, Schlappohr; für das Ding, was wir im Stuttgarter Wald ausprobiert haben, – wo die urigen Wildschweine uns, – du weisst schon, fasst umliefen und das Ding uns beschützt hat. Dafür brauchen wir diese, – was man dort rein stecken muss, – Hüllen.“
Ich bin amüsiert und frage:“ Was meinst du eigentlich: sage es einfach!“
Aletheia erklärt, dass sie das nicht am Telefon sagen könne und fängt von vorne an. „Meinst du etwa Kondome, Bienchen?“, werfe ich ein.
Entzückt deklamiert sie: „ Aber Windhund, geknokelt wird nicht mehr: wir sind doch nur Freunde.“ Das letzte Wort zieht sie, im auf und ab ihres Entzückens, genüsslich in die Länge.
Ich antworte: „Hallo? Wildschweine – meine ich, nicht wir und knokeln! – aber“, und fügte hinzu:“ das müssen die doch tun, weil sie immer ins Schwarze treffen. – Oder?“
„ Wie meinst du denn das, Windhund! Berlin tut dir gar nicht gut und“, ich unterbreche,
„ Hasst du nicht selbst gesehen, dass es viele waren?“, und setzte fröhlich hinzu, „ Auf deinem heiligen Berg wird auch geknokelt! sich heilig vermehrt.“
Sie spielt pikiert die Schüchterne: „ Windhund, du bist ja ein richtiges Ferkel geworden! Das macht alles dein schmutziges Berlin aus dir und das hässliche Mondgesicht!“ In der Mitte des letzten Wortes hebt sie ihre Stimme bis zu den Sternen und fällt als Sternschnuppe ins Schweigen.
Danach höre ich: „Du musst unbedingt aus dem dreckigen Berlin heraus und zu mir kommen! Hier, auf dem heiligen Berg, kann ich dich gesund pflegen, zusammen mit dem heiligen Wasser. Dann gehen wir jeden Tag zur heiligen Kapelle beten. Und danach bekommst von mir das beste Essen, was du willst, auch wann du willst; Fasanenbrust oder Wildschweinbraten, zu jeder Zeit. In deinem Näpfchen findest du nur das beste Futter: Windhund. Aber nur bei mir – dass weisst du! – Wenn du hier bist, werden wir auf unserem heiligen Berg, jeden Nacht zum Bruder Georg beten; gleich hinter unserem Häuschen, wo unsere heilige Quelle und die Wallfahrtskapelle steht. Das hat dir doch immer gut gefallen, oder? Windhund! – Und dann besuchen wir auch unseren Knokel-Felsen; aber wir beten nur!“ Ihren Zusatz zieht sie so langsam hin und hoch, wie das schwingen einer Schaukel, auf dem Meeresgrund.
„Danach gehen wir zu unserer Kirche in Valtravaglia: zu dem Altar, wo wir geheiratet haben! dass weisst du doch noch! – Schlappohr?“
Ich bin gerade dabei meinen Seelenfrieden zu verlieren, als sich ein weicher Körper an mich drückt. Mir ist dies unangenehm, bis mich ein Gesicht anschaut. Ich bin galant und drücke mich an das schmale Brett, welches aus der Wand ragt. Auf dem steht ein Weinglas, welches mein weisses Hemd berührt und ankippt. Ich ergreife den Kelch fast schwebend. Ein roter Tropfen benetzt das Weiss und gesellt sich neben meinen Knopf. Ich sehe nach rechts. Dort entschwindet mir der pralle Rock mit dem Gesicht. Sie wollen zur Toilette, was ihnen schwer fällt. Denn der Schlauch zwischen Wand und Theke ist schmaler geworden. Die enge Gasse ist jetzt mit Menschen gefüllt, die aufmerksam, doch lässig warten; auf jene Berührungen, die keine mehr sind. Denn Männer rauchen hier, weil sie darauf hoffen.
Meine Augen werden feucht vom weiss der Wolken, die sich lustvoll, wie gläserne Gefühle, in mich zu dringen wünschen. Rauch steht auch zwischen anderen Häuptern und Köpfen, Schwaden, die wie narkotische Offenbarungen auf mich lasten. Eine wirre Stimme erreicht mich von dort. Ich kann mich erinnern, greife zum Telefon und begleite es durch das qualmende Freudenhaus. Angekommen, – redet Aletheia noch, als hörte ich noch zu. Ich wundere mich nicht. Sie wartet selten oder gar nicht auf eine Antwort.
Aletheia wendet sich nun plötzlich an mich: „He, bist du noch da?“
„Ja.“, antworte ich.
Und wieder redet sie; erklärt mir ihr Ding, was sie unbedingt haben muss. Ich lasse ihrer Worte freien lauf und schaue zum grossen Fenster. Rechts steht noch die Designercouch mit den hohen Lehnen. Sie ist schwarz und schön. Bauhaus, fällt mir ein. Sie ist immer noch bewohnt. Die beiden Damen dazwischen bemühen sich, adrett, schön zu sitzen; wobei ihre Arme suchen. Sie sind bemüht es zu finden: bequemes und adrettes zugleich. Die Blonde gibt sich dabei wenig Mühe: sie sieht gut aus. Ihre Freundin starrt mit Adleraugen und fliegt durch den Raum: sie sieht schlecht. Ihre androgyne Aura ist verblasst, das männliche hält sich tapfer. Sie fühlt in ihren Augen, was ihr fehlt.
Aletheia will nicht sagen, was ich möchte. Denn sie weiss schon alles und redet lieber, als ihre Zeit mit Fragen zu verschwenden. Aber das ist nichts neues und presse meinen Willen zwischen ihre Sätze: „ Ich werde nicht kommen. Meine Bedingung kennst du!“
Sie redet unbekümmert weiter.
Dabei denke ich daran, wie lange das schon so geht, mit ihren Wünschen und Verheissungen. Ewig, kommt es vor, ein normales Gespräch geführt zu haben. Viele Monde liegen dazwischen. Heute ist unser Umgang, wie zwischen einer Fasanenbrust und einem Wildschweinbraten. Keiner von Beiden hat etwas zu erwarten, nur ein Dritter. Vielleicht wird es ein Psychologe sein, der aus Fragen von Antworten, SpinnwebenEintopf zaubert und einem verwirrten Förster füttern lässt. Worauf dieser den Seelenklempner erschiesst und auf dessen Couch singt. So wie einer, der ein Gespräch beenden muss, weil er keine Fragen mehr hat; das Telefon vom Kopf zum Herz führt, wo unter dem Jackett eine Brusttasche wartet, die antwortet: Nichts.
Das bin ich auch, der den dunklen Wein auf dem schmalen Brett begreift, welches kantig aus der Wand ragt und seine runden Lippen küsst.
Angenommen, merk er, es ist leer, wie das heilige Wasser von Aletheia.
Ich stehe mit dem Gesicht zur Wand, sie ist dunkel, wie der Boden auf dem ich stehe. Hinter mir macht sich eine helle Stimme gehör; gleichwohl wird mein Magen an das Brett gedrückt, welches weiter störrisch aus der Wand ragt. Ich drehe mich um und schaue in zwei Augen; über ihnen wippen Wimpern. Es ist Lola.
Lange Haare fallen seitlich an ihr herunter – über meine Iris, dem Faden der Evolution folgend, dem Labyrinth des Anfangs entgegen, in die alte Amygdala.
Sie ist das Organ, welches sich meiner Angst annimmt und koordiniert; Bewertungen und Wiedererkennung von Situationen vornimmt, die die Grundlage für Analysen möglicher Gefahren sind. Im Moment erkundet sie, in wie fern ich Gefahr laufen kann, meine Faulheit ein Gespräch zu führen, mit der Fähigkeit scharmant zu bleiben, nicht einen zu können. Welches in Bezug auf meine Berliner Erfahrung von Nachteil ist, denn Spaltung verhindert die Einheit.
Doch meine Amygdala ist erfahren, bereit für:
Menschen die sich verstehen, worauf sie wert legen.
Doch treffen sie einander nicht, muss der Renegat erkannt werden, um der eigenen Sicherheit willen. Dabei besteht die Aufgabe des Delinquenten darin, zu ertragen, dass der Erkennende dem Erkannten die Feinigkeit auferlegt, sich korrigieren zu dürfen. Wer hierin unsensibel, gar rigide ist, begibt sich in die Gefahr ein Barbar zu sein; welches nur von Menschen als Gnade empfunden wird, welcher abgeschlossen hat: mit dem Menschen.
Doch bin ich froh, gut beraten zu sein: mit einer Amygdala; die vom ewigem Feuer der Angst geprägt, von Ängsten der Ahnen erprobt, sagt:
mache was du willst, wehre dich, doch höre auf mich allein!
Sie ist ein Jungbrunnen und das Älteste an mir, das Feuer zweier Flammen, die Glut leidenschaftlicher Natur, welche Rot und Grau, entflammt oder erstickt, ewig zum Rückzug oder Angriff bereit.
Ich bin stolz auf mein Limbisches System.
Obwohl der Name eher abgehoben, auch unnatürlich klingt, handelt das Organ ganz natürlich – auch gegen mich. Dann, wenn die Wasser meiner begehrlichen Worte zu Tale streben wollen und die Bergschlucht nicht vorhanden ist, welche ihr ermöglicht:
von der Höhe, in rauschendes Verlangen, zu fallen.
Denn das Begehren braucht hohe Luft, um über den Abgrund zu blicken, in die Lust der Triebe.
Mein Feuer der zwei Flammen hat sich für das Grau der Asche entschieden, was bedeutet, dass mein Interesse sie nicht emporheben kann, in die hohe Lust der Triebe:
auch nicht in eine Unterhaltung.
Drum denke ich an die Aufgabe, mich Lola als guten Delinquenten zu empfehlen, der erträgt, dass Sie meine Feinigkeit hierin prüfen darf, mich zu korrigieren.
Da ich die smarte Operation, ohne Missgeschick des Zufalls, bestehen möchte, suche ich nach einem Famulus. Mir fällt ein, es ist der Schwache.
Ich kann mich erinnern, dass Lola der Neigung unterliegt, einer schwachen Natur Gnade zu gewähren, besonders, wenn sie leidet.
Im Anfang meines Handels, ändert sich zunächst die WimpernFrequenz, welche ich erhöhe. Dadurch, vermittels ihrer Urteilskraft, ist sie eingestimmt.
Wimpern wippen zufrieden. Dann spricht sie mit feiner Freude, direkt, mir ins Gesicht:
„ Albert, es ist ja wunderbar, dass ich dich hier treffe: wie geht es dir?“ ,und fügt schnippisch hinzu, „ Du siehst, ein wenig – durcheinander aus.“
„ Nein“, gebe ich vor und korrigiere: „ Ja -.“
Getrieben durch mein Ungeschick, gesichert durch meine Amygdala, deklamiere ich:
„ – weiss auch nicht, was mit mir los ist! – vielleicht bist du es mit deiner Jugend:
dem Jungbrunnen und dem Frosch.“
„ Nimm mich nicht auf den Arm – Albert! denn ich fühle mich ermattet; das Geschäft und die Männer im allgemeinen…“
„ Das tut mir für Sie leid – Lola.“ , und deklamiere wieder, „ Nein, ich meine natürlich dich und nicht -“
Ich stelle mich an, wie ein Faultier auf einem Rennpferd.
Ungeschickt sieht und unbeholfen steht es nun da.
Ich halte den Eindruck meiner Verlegenheit einen Herzschlag aus, bis ich den Ausdruck meiner Operation mit den Worten enden lasse:
„ Ich weiss auch nicht, wie du‘ s machst -, du strahlst-, nein, du sprühst erfrischendes in die Welt.“
Sie ist aufmerksam, noch nicht überzeugt.
Um mein Kompliment glaubwürdiger zu machen, hebe ich meine Arme so, als könne mir kein Vorwurf gemacht werden, wenn ich mich im Labyrinth ihrer Unwiderstehlichkeit verirre. Gleichzeitig ziehen sich meine Braunen hoch; die runzligen Falten der Stirn, erzeugen den Wiederschein von: Hilfe.
Ich blicke sie an. Meine Hoffnung, sie lässt mir meine sympathische Pose, erfüllt sich.
Danach fällt mir ein, dass Lola keine Frau ist, welche sich von einem Geheimnis, besonders, wenn sie zu höheren Graden der Verstrickung neigt, vertreiben lässt. Sie harrt der Belohnung mit stehendem Schwung, wie ein Kolibri, der vor dem Kelche ruhig flattert. So ist ihr Wissen, um mein zwielichtiges Anliegen, nur Anlass genug, weiter zu machen. Das ist mir selbst fremd, doch rückwärts betrachtet, war ich mir auch nicht sicher, ob mein alter Hippocampus, die Schleusen öffnen wollte:
zum Fall meiner Triebe.
Wobei, das weiss ich aus Erfahrung, er nicht willig wird, wenn mein Geist kürzer denkt, als die lange Evolution, die er zu verwalten hat.
„Ich glaube mein Glas ist leer.“ , sagte ich zu Lola, als ihre Augen den vollen Kelch suchen. Sie fand ihn in dem Satz:
„Wir sehen uns doch noch später, oder?“, wiewohl sie meine Hand streichelt und spricht:
„ Jetzt ist es ungünstig, denn Freunde sind noch hier.“
Ich nicke verständlich und begleite sie mit meinen Augen -.
Lola bewegt sich graziös durch den engen Gang, zwischen Tresen und Wand; so als tanzte sie auf einer grossen Bühne. Federhaft schwingt es hin und her, freut sich ihrer und nimmt die bunten Töne war, welche aus ihrem Orchester springen.
Ein Musical, fällt mir ein. Nicht weil Lola als Balletteuse Oper oder Operette nicht mögen würde, sondern weil die bunte Ordnung, im Einklang mit ihrer Empfindung steht: Chaos und Schönheit in ihrem Körper zu vereinen.
Das war bis in ihre späte Jugend so. Heute schreibt sie Bücher mit sicherer Hand, wie die Einheit im Fleisch zu finden sei; denn über die Zucht des Körpers, der Pracht der Farben und der Macht von Tönen: die Wunder, Wild und Schön einander ergänzen.
Mein Herz vibriert, als Lola ihre Natur der Pflicht opfert, an Männern vorbei zu schlüpfen, deren Verzückung ihr egal ist.
Als meine Brust nicht aufhörte zu vibrieren, fühlte ich mein Telefon schlagen.
Ich fasse in die linke Tasche des oberen Jackett‘ s und denke beim umfassen
des zitierenden Gerät‘ s: ,Dass wird Sie sein.‘
Diese Frau, die niemals ablässt zu erhalten, was sie will, weil ihr Gebet zu Gott zum Lobe seiner ist und sein – Ja – inhärent, wie der Wunsch den Mann, und nur den, zu bekommen, der den Segen ihrer hat und die Vorsehung ihm verkündet:
Ich bekomme dich bestimmt: dass musst du mir glauben!
Bei einer klaren Eingebung mit endloser Beschränkung, habe ich das Gefühl, dass etwas schief gegangen sein muss, damals in der Kindheit. Denn wer bekommt schon wen oder was er haben will, wenn der Zweifel zu seiner Zukunft gehört; ausser dem modernen Ritter oder Calvinischen Puritaner. Der Eine hat ein verbranntes Gehirn und der Andere die Prädestination, worauf er sich versichert. Doch sie liegt dazwischen, eine Frau mit grenzenlosem Verstand, wechselnd, zwischen GottGeist und MagenTod.
Dieses Wolkenauge erblickte eine Falange von gesprengten Villen, die klare Zeichen zeigten, welche zum Wunsch ihrer Erkenntnis führte, dass ihre Liebe zu seiner Bestimmung gehört; sie fordern lässt:
Ich bekomme dich bestimmt.
Die Zeichen ihrer gemeinsamen Zukunft sah sie ganz bestimmt, von roten Dachziegeln, die über verbrannten Dachstühlen, schwebend schrieben:
Der Windhund? der ist dein!
Und es macht nicht Wunder, dass ihr Gebet, Gott zum Lobe, ein Ja mit einer Angst verbindet, weil sie glücklich zweifelt, was sie gläubig mahnen lässt:
Dass musst du mir glauben!
Ein Seelenarzt könnte mutmassen, dass ihre Erfahrung an der Liebe, sich auf das Erleben, schlicht betrogen oder dümmlich verführt worden zu sein, stützt
und ein Gefühl von Höllenkreise schafft, die sie einst mit Dante teilte.
Sie weiss seitdem:
Wo der Teufel waltet, dort, die Liebe er spaltet!
Weil er zerstört die Harmonie von Mann und Frau, göttlich, doch teuflisch unberechenbar, die heilige Moral zur Hure werden lässt; auch bei starkem Wissen und guter Erziehung, das Böse in keine Ordnung fügen lässt.
Der Teufel liebt den Nebel, wo er im Verborgenen webt, am Leichentuch der Liebe!
Seine Verhaftung ist fast demokratisch, doch eine Vernehmung gibt es nicht, denn das Fragen macht nur schwach. Der Teufel kommt einfach aufs Podest, wo er zum Herrscher der Kunst erhoben, auf einer Bühne steht. Dort stellt er zur öffentlich Schau, die Anstalt der vielen Geschlechter, den Edelknast beschränkter Haftung, die Liebe im pharisäischen Käfig, und nennt es: Theater.
Wo alle lachen können und Schadenfroh macht, weil die List da zum Schwächling wird, wo sie einst die Lüge kräftig deckte. So macht das Leben wieder spass, weil nicht betroffen und mit Abstand zur Bühne, gar gläubig, mithin gesund. Auch bleibt ein Schauder bei der Teufel‘ s schau, denn ohne Furcht auch sie nicht glaubt, dass ihre Vernunft lange wehrt.
Denn lauert Gefahr, wenn die Kunst zum Leben, der Reiz zur Wahrheit wird, und ihn vergnüglich macht, den Teufel von der Bühne springen lässt. Darum übertreibt sie nicht, nur im hiesigem Theater. Warum sie jedoch, einen Mann von alter Zunft, der die Freiheit am Freien und nicht die Eine liebt, die Liebe lieber liebt als liebend harrt, ist nur begreifbar, wenn Keiner nicht sagt: Hallo? das geht doch nicht!
Denn warum sollte sie den zünftigen Mann mit einer Liebe von langer Wirkung quälen, wenn der einzelne Mensch, ganze Völker sich mühen, leidend, liebend und wechselnd gekitzelt zu sein.
Nur eine Frau, die auf höherer Erkenntnisstufe wandelt, kann, indem sie höher steigt, mit Flügeln aus fedrigem Gold, zu Gottes Sternennest flattern, um dort, am Urort ihrer Gefühle – ein Ei zu legen. Hier droben hofft sie mit mütterlichem Instinkt:
Es soll werden ein KuckucksKind.
Wenn der Erwählte als Adam das verhindern will, sollte er es tuen, mit Phantasie, die er mit blanken Schneeflocken füllt und zum Himmel schickt, welche angekommen, von Sonnenstrahlen gebrochen, ein nächtliches Tierchen schafft. Mit dem Wirrwarr an Funken erschrickt sich das Kuckucksei, rollt von Rand zu Rand, bis es aus dem Urnest fällt und hinterlässt: Ne Nachtigall.
Jugendlich trällert sie durch die Nacht mit Glocken aus Stimmen, die blanken Flocken am Himmel zu Sternen stösst, welche am Ende auf die Erde sich legen, die sie weihnachtlich schmückt. Bis das Firmament dunkel wird und in der Ferne ein letztes Sternlein leuchtet, welches strahlend in Adams Auge fällt.
, Er sitzt auf einem Stein, unweit von ihr. Sie steht an einem Bach, der in die Tiefe fällt und hinauf – ein wütendes Grollen schickt. Ihr schauert‘ s, doch bleibt gelassen, weil sie schon gebetet hat. Breite Zöpfe hängen vom Kopf und fallen gerade auf ihr Herz hinunter. Auf ihnen glitzern lebhafte Fädchen, wie ein Bergbach aus Lametta. Ein silberner Fisch kommt plätschernd heraus und schlittert herunter bis zur Brust. Zwei Striemen aus Hirschleder zieren Beide und halten Unten eine Hose, die zünftig unter dem Knie enden. Dort glitzert eine Schnalle. Sie baumelt leicht und harrt offen, als würde sie auf etwas warten. Über die flache Brust hüpft der silberne Fisch, im freien Fall der Schalle entgegen. Dort verhofft er, wie ein schmales Reh am Waldesrand, dass etwas zu befürchten hält und lässt sich rosa Flügel wachsen.
Mit Grazie schwingt das Fischlein weiter, gleitet an grünkarierten Kniestrümpfen vorbei, elfenhaft, den Sternen entgegen. Unten landet sie aufrecht auf ihren Flossen, schaut zum Stein, wo er sitzt und wartet. Das silberne Fischlein sieht ihn an, beugt den Kopf galant nach vorn, während die Flosse sich hebt und legt auf ihr Herz. Dann spricht Sie mit Anmut, doch vertraut:
Albert, sag, wie hättest du mich gern?
Er spricht verschmitzt, doch archaisch männlich:
Werd zu meiner Rippe, dann zeig ich‘ s dir.
Kaum hatte er es gewollt, geschah es so, wie er es sagte.
Sie, die noch am Bache stand, der in der Tiefe rauscht, wirft ihre Zöpfe und spricht mit empörter Stimme: Was soll das? Ich bin hier:
Und Windhund, du gehörst nur mir!
Albert formt an sich und seiner Rippe; spricht:
Alles was du willst, nur nicht mich!‘
„Aletheia, Italia 2“ ,
leuchtet es auf dem Display, wie vermutet – und lasse das iPhon, wie immer – zittern.
Auch wenn mir mein Verständnis von Höflichkeit nicht abhanden gekommen ist, lasse ich es noch weiter vibrieren und stecke es schliesslich wieder ein. Zu meiner Entlastung sei angemerkt, dass ich das Klingeln nicht durch Knopfdruck beende, und ihre Würde stärke, weil mein Schweigen ihre Hoffnung nährt, dass ich nur betrunken bin. Leider bleibt der Zweifel, dass sie mein Gutes nicht schätzt. Und immer habe ich‘ s versucht, mich mit Worten zu empfehlen: „ Jetzt geht es wirklich nicht.“, doch ohne Erfolg.
Mit der Zeit setzte sich jenes Handeln durch, welches die evolutionäre Anpassung schätzt und die Nische des Mutanten obsiegen lässt, denn:
Schweigen, kann wie essen sein!
Ich stehe immer noch mit dem Gesicht zur Wand, mein Geschmack ist bei einem Gericht, dessen Sosse dunkelbraun, wie der Boden auf dem ich stehe ist; Gerüche machen Bilder und Worte Zehnen, die mich erinnern an ein Buch. Es erzählt von Berlin und heisst wie jene Zeit: Im Schlaraffenland.
Ich will die Seite und suche mein iPhon, dass meine Welt des Wissens ist. Mit schnellen Fingern gebe ich den Namen des Schriftstellers ein; es ist Heinrich Mann.
Sie findet die Seite und Zeile recht schnell und ich lese:
Liebe, kann auch Maulsalat sein.
Dann beginne ich zu lesen:
„ Aber sie erblassend die Augen; seine Lippen waren kalt.
Sie wollte sie an den ihrigen wärmen; ließ sie nicht ab. Endlich musste sie sich seinem Willen fügen, und sie lebten fortan, ohne Vorwurf und ohne einen Herzenslaut, in einer lauen Atmosphäre verjährter Freundschaft, die einen guten Tisch und wohlgepflegte Weine braucht, um bei Laune zu bleiben. Adelheid bestellte eigenhändig seine Tafel, sie benutzte seine Ehrfurcht vor den Künsten des Luxus, um sich verstohlen in sein Dasein einzuschmeicheln, das ohne Umschweife ganz ihr hätte gehören sollen. Sie fuhr selbst zu Huster, um Krammetsvögel zu bestellen, Kaviar holte sie von Schischin und Krebse von Martini. Ihre Gedanken an ihn verneigten sich ganz und gar mit der Sorge um zarte Bissen, und am Ende tat es ihr kaum noch weh, dass ihm am wenigsten ungelegen kam, wenn sie eine neue Leckerei mitbrachte. Beim Nachtisch erklärte sich der Erfolg.
Adelheid hatte eine Minute des Schmerzes zu überwinden.
,Wo weilt seine Seele?‘ fragte sie sich.
, Was vermag ich über sie? Ach, ich wirke nur auf seine Zungenwäzchen.‘
Und das verbleibende Verhältnis auf der Grundlage liebevollen Vertrauens, wovon sie geträumt hatte! Es ruhte jetzt auf der Grundlage von Rehpastete und Ochsenmaulsalat.“
„He, Albert, welche Frau hat dir geschrieben?, oder beantwortest du eine eMail, die ich dir schrieb, im letzten Jahr?
Ich werfe auf, wie ein Hirsch und suche im Geäst nach seinem Namen:
„ Heee, nee, ich lese gerade nach: Die Leidenschaft im Ochsensalat.“
„ Jaa! Und? Machst du draus was sämiges, wie: Ochsenschwanzsuppe?“, stösst Brutus lüstern aus seinem Mund, als röche er schon das Fleisch, das ihn hungrig munter macht.
Dabei trampelt er lustvoll von einem Bein auf‘ s Andere, gleichwohl einem hicksenden Lachen, welches seinen Oberkörper hüpfen und krümmen lässt. In kurzen Intervallen verbeugt er sich, als würde ich der König sein. So richtet dieser seinen herrschaftlichen Blick auf das obere Haut, das am Rand durch graue Haare glänzt, die im innern einen Spiegel halten; zusammen mit der Glatze, gebären sie – einen Heiligenschein.
Auf ihm spiegelt sich mein Gesicht, das durch jene unebene Natur, mich als Fratze wieder kehren lässt. Als er auftauchte sah ich in seinem Gesicht, dass lustvolle Blitze von Schadenfreude, die auf dem Wasser seiner Unschuld oberflächlich funkelt. Nach einer Weile nahm seine stosshafte Freude ab. Ich stehe daneben und überlege, wie ich sein lachendes Nirvana erhalten könne und skandiere mit stolzer Miene:
„ Lieber Brutus, ja, ich habe die Leidenschaft verloren, als ich mich zum Kapitän, auf dem Flaggschiff der Liebe machte!“ , gleichzeitig schlage ich die Hacken zusammen und salutiere in Haltung dazu:
„ Oh Mädchen, stürze dich nochmals ins Wasser, damit ich ein zweites Mal Gelegenheit habe, uns beide zu retten!“
„Neee! “, entgegnete Brutus und schallte halb streng noch weise:
„ Jaaa, so eine Schönheit wollt ich dir schenken, im letztem Jahr:
Albrecht – dass weisst du ja?“
„ Mm, meinst du deine ominösen eMail?“ , entgegnete ich, währenddessen mich ein fremder Mann rammte, der sich keinen anderen Rat wusste, als forsch zu sein, um halbwegs schnell zum Abort zu gelangen, der seine Rettung zu sein schien; im Abgang höre ich sein: Tut mir leid.
„ Jaa, Neee, die Frau brächte dich in Schwung und über Bord geworfen hätt sie dich auch – meinetwegen – um dich zu retten:
Doch, hinterher gesprungen währ sie nitt!“
„ Ach, und das wolltest du mir in deiner eMail mitteilen!“ , mein Lieber?
„Weisst du noch wie du sie nanntest?“
„ Moment -“ , sagt er, „ ich glaub: Lovely Submaso!“
Ich lege drei Finger auf meine Schläfe, neige den Kopf leicht seitlich und schüttle ihn sinnlich.
Nach einem forschenden Blick setzt Brutus zu einem Lachen an, dass vom Kolkraben, der gemächlich sein Revier überfliegt, dabei krächzend, monotone Laute von sich gibt, wandelt, in einen kecken Grünfink mit Bauch, der sein Entzücken über das gehörte von ganz Oben, laut und schnarrend vom Aste tirilierend kommentiert.
, Der Ton klingt wie eine tollwütige Trillerpfeife‘ , denke ich.
Währenddessen stampft der mopsige Matz, wie ein Schimpanse auf einem Zweig, lustvoll, von einem Bein auf‘ s Andere, und gepaart mit dem schnappen nach Luft, den Oberkörper wechselnd krümmen lässt. Durch die Wiederholung fliegt Brutus in ein Koma, worin er verharrt und ich auch, betrachtend seine Glatze. Auf ihr fliesst sein Spiegel auf einer runzlige Oberfläche dahin, wie ein zäher Honig die kantige Wabe herunter. Mein Spiegelbild ist so entstellt, wie auch die Würde, welche seine Glatze durchaus hat, wenn sie sonst zum Himmel blickt.
Und nun sehe ich etwas flirren! – Auf seinem gesenkten Kopf, zwischen Haut und Heiligenschein, eine graue Leuchtreklame – schwach kryptisch flimmern:
Es sind Zwei.
Zuerst sehe ich eine Hand und dahinter ein Wort, dass ich als „ Bett…“ ersehe, was mich müde gähnen lässt. Doch als Brutus auf der Zielgeraden, in den letzten Zügen seiner Lust, sich devot ein letztes mal neigt, sich der Rest des Wortes zeigt:
Bettler!
, Ich habe eine Frage‘, deucht es mir.
In welchen Spiegel ich auch blicke, sollte nur ein Albrecht sein – und kein GlatzenProphet im Heiligenschein, der mir weissagt ne Lebensart von Pein! Doch wenn ich‘ s recht bedenke, ist mir gleiches – selbst mit mir passiert, denn:
„In der Einsamkeit, und noch dazu, wenn man Müde ist, hält man sich nun einmal gerne für einen Propheten.*“
Darum trägt der gelbe Zweifel grüne Früchte, welches mit Hoffnung der Galle ein Ganzes schafft, dass graugeblümt zu vermitteln weiss:
Bleib Gelb genervt und flexibel Grün, so bleibt alles philosophisch offen.
Doch ist es ein Wink auf eine Zukunft? die Brutus mit dem Wunsch verbindet, mich noch einmal auszulachen, sollte ich mein handeln danach richten, verschlagen – man möge mir milde vergeben – um ihn wieder los zu werden. Denn nicht‘ s ist kläre‘ r für die eigene Macht, welche an der richtigen Stelle, man nach zu geben weiss. Gleichwohl dem deutschen Kaiser, der in die europäische Geschichte Einzug hielt, indem er vor dem Paps wissend sank, um auf Knien Vergebung zu fordern:
Im Canossagang.
Auch wenn ich keine Büsserkutte trage, sondern ein Jackett von Wolfgang Joop, vollziehe ich meine Einsicht, durch eine Beichte mit dem Satz:
„ Ich gleiche einem alten Bettler, der eines Tages – in einem Café – meine Hand nicht loslassen will.*“
„ Nee“ , schnarrte Brutus wieder wie der Grünfink zeternd: „ Das kommt nicht von dir - ist – doch nur geklaut!“
„Ja, wie alles was ich sage!“ ; ein verschmitztes schmunzeln weicht aus mir.
„ Bei dir weiss man nicht was er so meint!“ , warf er mit der dritten Person ein und: „ Du bist auch nur ein Postbeamter, der mit seiner fauliger Tinte, anarchische Rechnungen schreibt.“, fügt er hinzu.
„ Das kenne ich irgendwoher“ , Moment, sage ich zu Brutus – war das nicht eine Mail vom letzten Jahr? Da kichert der kleine Grünfink in sich hinein und der graue Schnabel bleibt stumm.
„ Moment, wann war denn das genau?“
Er antwortet: „ Zu Weihnachten.“
„ Uno Momento – warte – das ham wir gleich.“ , und suche nach der Spur, mit meinem Finder im Telefongerät.
Brutus meint nun recht verlegen: „ Lass das bloss sein, das war nur so – bloss schnell niedergeschieden.“
Poststelle, gebe ich dem iPhon ein und finde: Meine Poststelle – Z.B.V.
„ Brutus, ich hab‘ s und jetzt lese ich dir vor: Mein geschlagener Knecht!“
Erst geknickt und dann entzückt antwortet er:
„ Neee – Meinetwegen.“
Ich öffne die Datei und beginne zu lesen.
„ „ Eine Sachbearbeiter-Stellenbeschreibung für Albrecht:
“Ich bin Α und Ω”, spricht Albrecht, der Herr. “Ich bin der Erste und der Letzte, und der Anfang und das Ende,und der Herrscher über die ganze Poststelle”.
Und er spricht weiter: “Ich bin der Herrscher über eure Gedanken,
ich begleite sie von Geburt an. Ich bin der Bewahrer all dieser beamtenmäßig-hierarchischen Strukturen, die die Verteilung dieser sinnlosen Briefe und Pakete initiieren. Ich organisiere euch den Umlauf und das Sterben ewig wiederkehrender Verwaltungsprozesse, die nur dem einen Zweck dienen, nämlich sich selbst am Leben zu erhalten, um damit die physische Existenz all der Beamtenärsche und ihrer vermaledeiten Bürokratie zu sichern”.
Und er stößt eine letzte wüste Verwünschung aus:
„ Bald komme die Zeit, wo eine Sintflut aus stinkender fauliger Tinte sich über jeden einzelnen von euch ergießen werde. Es lebe die Anarchie!“
“Amen“, spricht Brutus Stempel, sein blau geschlagene Knecht. „ „
Kaum ist die letzte Silbe verklungen – was soll ich sagen – fängt das Lachen von vorne an. Nach ein paar Atemübungen müht er sich zu ende zu kommen und bittet:
„ Such doch noch die andere Mail!“
„ Meinst du: Submaso mit halber Pyramide?“, frage ich.
„ Jaa, die.“
„ Ah – Moment, ich repetiere, wo du meine Gefühle beschreibst, als ich mich in die Frau verliebten sollte, welche du mir dar botest?“
„ Hi, hi – ja die“, mahnt er stolz und grient.
„ Überdies, war sie hundert Jahre jünger als ich: Und dazu – entsetzlich Schön. War das gewollt?“ Er antwortet in seiner Muttersprache mit:
„ Wasch andersch brauscht du nitt!“
Ich antworte freundlich bestimmt:
„ Jetzt lese ich vor und danach, mein lieber Künstler Brutus, sagen ich zu dir: Adieu!“
„ Neee, ja, ja: – Wie du willscht – O.K.“
VonBrutus@zurLiebe.teufel
An Sie
love@com.
Lovely Submaso,
hier ist Mail von Albert,
ich dir andrehen große Liebe,
ich dir verkaufen ganz großes Glück,
ich sowieso immer mehr nach dir verrückt,
ich Peitsche schwingen laut, heftig und viel Knall,
du stürzen vor mir auf Erde, machen ganz tiefen Fall,
ich dir besorgen viele, viele, viele Explosionen feurig Glück,
du werden nach mir noch ganz, ganz lovely-submaso-Al-verrückt,
ich Sadomino, du Submaso, du mir und mein, soll in alle Ewigkeit sein.
Jetzt reicht mir’s aber, hör’ endlich auf zu flennen, ich dreh’ bald noch durch.
„ Siehst du Brutus, und damit ich nicht verrückt werde, gehe ich jetzt dort hin, zu diesem schönen Weibe: Ist Sie nicht prachtvoll Stolz und für mich wie geschaffen: Nitt?“
* Oscar Wilde
Am Tag danach: Nachtbegegnungen im Kiez (letzter Teil)