Ein viertel Jahrhundert

 

 

Mein lieber Madden,

Duft meiner Zukunft,

 

Mein geliebter Sohn,

 

heute ist der Tag, an dem du vor fünfundzwanzig Jahren mein Leben empor erhobst, durch deinen ersten Schrei, der höher war als die Wolken über mir. Ich flog ohne Flügel.

Und heute noch erhöhst du mich durch deine Laute und Gesten: deiner eigenen Art wegen mit mir zu reden, der dunklen Blicke wenn sie lachen und deiner duldsamen Augen, wenn ich ungeduldig bin. Ja, du bist vorausschauender als ich, was mir fehlte und fehlt, den Zaun um jene wilden Rösser zu halten, die sie abhalten, den Duft auf Wiesen zu Staub zu treten. Durch dich habe ich gelernt, dass ein gezäumtes Pferd auch dann frei sein kann, wenn es wie Prometheus mit kühnen Gedanken und leichten Herzen riecht; wenn er beim Galopp auf die Erde achtet, wie die Düfte steigen und ihn fliegen lassen.

Trotz allen Bemühens im Leben zu finden, werden wir Suchende sein, die harte Eier in Nestern finden, welche gerade kein Ostern feiern. Und dann stelle ich mir dein Gesicht vor, wie es mich fragend anschaust und ich antworte: „ Es ist was du jetzt denkst.“ , schaue verschmitzt, was dich vergnügt lachen lässt. In diesem Denken habe ich mich befunden, als es um mein Finden ging: dich zu beschenken.

Ich habe gesucht und mich entschieden, dir etwas durch meine Hand zu geben; etwas was dir dein Leben Begleiter sein wird und dich Jahrhunderte von Glücksmomenten finden lässt: wenn du es möchtest.

Es ist ein Wesen aus Holz gemacht, doch keineswegs hölzern anzuschauen, weil er mit seiner Farbe lebt. Du kennst seinen Bruder: er heisst Dino. Vor drei Jahren wurde er durch deine Fotos erweckt, durch Blitzlichter, welche du mit Begeisterung entfachtest und noch heute von deiner Hingabe zeugt. Ich hatte den Eindruck, dass du etwas fandest, was dich überraschte: ein Wunder?

Diesen Augenblick wollte ich wiederholen und machte mich an mein Schaffen: einen Zweiten, doch anderen Dino zu schaffen. Das Ergebnis findest du auf dem Tisch L. Wittgenstein unter dem weissen Tuch. Aber halt, wundere dich nicht, er, dein himmlischer Begleiter ist ein wenig schillernder als sein Bruder, ähnlich einem Elvis im GlitzerFrack. Dadurch wirkt er etwas wie eine Elfe, wie etwas fürchterlich Gutes, einem Engel aus dem alten Testament Wald: er heisst Raphael. Wenn er dir gefällt, wird es dir ein getreuer Gefährte sein, denn, was dir gefällt wird auch ihm gefallen. Seine Bestimmung bist Du – Du brauchst ihn nur lebendigen; und das beschied mit deiner Bestimmung und seinen Ritualen.

In der Bestimmtheit verleihst du ihm seinen Namen, mit deiner Annahme seiner Zeit und Ort, eröffnest du die Rituale von ihm zu empfangen. Für das erste Rendezvous mit deinem Gabriel, wähle die nächste Sommersonnenwende und vollziehe das erste Ritual: den Ort. Er liegt auf dem Rücken, eine Mulde, wo du etwas legst: ein Blatt. Darauf schreibe drei Worte, die dich erinnern, wissen und vermuten lassen,  wie das Gestern, jetzt und Morgen. Die Zeit, in der du den Zettel auf seinen Rücken legst, sollte zur Nachtruhe sein, wobei zu beachten gilt, ihn zum Sonnenaufgang wieder zu entnehmen. Wenn es sich notwendig macht, kannst du auch einen zweiten Zettel mit einer Befürchtung niederschreiben, wie: „ Ich habe Angst zu Ostern  – mit weichen Eiern Bescherung zu feiern.“ Wundere dich nicht über meine Albernheit in wichtiger Mitteilung, doch entbehrt er selber keinen Witz, sondern ist aus fröhlichem Holz gemacht; obwohl er mit böser Miene schaut. Auch ist dein himmlischer Bruder ein sensibler Kaiser einer Welt, die zwischen zwei Welten seine Bestimmung findet: im Stein, Stern – Traum und deinen Taten. Er hat viel zu tun. Daher, trete an ihn nur heran, wenn du dir sicher bist ihn zu wollen, und bitte, halte ein sein Ritual: zur Bettzeit auf den Rücken und zum Sonnenaufgang vom Gleichen zu nehmen, das Wort, was du gabst.

Ja, das ist alles, mehr nicht – was in dir den Duft den Anfangs widdern lässt, bis hin zur Seele:

deine kühnen Gedanken stärkt,

und dein Herz leicht werden lässt.

 

Nun hebe das Tuch, schaue, werte und entscheide – ihn zu mögen oder zu lieben.

 

Ich wünsche dir vom Herzen eines Vaters, der  dich innig liebt,

einen Jungbrunnen Leib, ein liebend Herz und die Kunst mit Steinen zu fliegen,

Jahrhunderte in Unendlichkeit -

 

dein Pa

 

Grimm zu Nemo

Guten Morgen Friedrich,

 

vielen Dank für dein Ja über die Wörter, welche ich über dein Buch schrieb: “Was uns zusammenhält” von Horst W. Opaschowski.

Ich las mit Freude:

„ … da kann ich nur jedes Wort unterstreichen -

und ich glaube zu wissen, wovon ich spreche,

als geborener Wessie, der schon in der Jugend mit einer erdrückend

Fast-perfekten-Welt aufgewachsen ist,

war ich später auf der Suche nach der ‘Licht Blume’

und habe diese gefunden -

in all’ den Gesellschaften

die sich selber zum wichtigen Mittel nahmen,

um sich zu erklären und daraus eine Perspektive abzuleiten; für ihr Morgen.

Die Mongolei mit Ihrer spannenden Geschichte und frühen Emanzipations-

Staatsphilosophie kam dem am nächsten, was mir grosse Freude ist -

die schönen Töchter des Landes sowieso:

in diesen ‘ORT’ … “

… bist du bis heute vernarrt und schreibst ganz schlicht, zu deiner Zukunft: dort alt werden zu wollen – weil, dieses Land so wunderbar jung hält.

 

Vielleicht ist es das, was uns Alle beschäftigt, die Lebendigkeit des Goldes, welche Engel gebiert, die schweben können, zum Kelch, der Blume des Lichts: den Erhellten – jung werden lässt.

 

Wie du weisst, bin ich kein Wessie und am üppigen Orte aufgewachsen, wie du.

Trotzdem habe ich in den Jahren ein wenig Verschwendung leben dürfen,

was kitzlig interessant war, doch auch an Schmerz gewann: als die Welle der Arbeit begann.

Wenn ich ohne Schuften Reich würde, hätte ich nichts dagegen, da das Leben leichter wird; – wegen der Verpflichtungen, die ich nicht alle liebe. Der Hausmeister oder Putzmann fällen mir da ein – sie wären fortan passe. Ich würde betucht wie ein nettes Faultier, von üppigen Zeiten laben, in einem Meer voll Kunst, welche aus Märchen und Wellen bestünde: mich wiegten, wie bei Gebrüder Grimm im tiefen Wald und Nemo auf weiten Meeren.

Doch noch heute gehe ich unter, vielleicht auch morgen, wenn mich nicht Arbeit zerrt von Tag zu Tale; wie du, ich und die Meisten von Uns. Doch übermorgen kannst du frei, erfüllt sein, vom Blick der schönen Mongolinnen gehoben, von ihren Blicken getragen. Sie legen dich auf ein Meer ohne Wind, wo Nautilus die Kunst in Sternen und Nemo die Liebe mit Licht steuert.

 

Da ich weiss, dass du nicht übertreibst, wenn es Sinnlos ist, dich selbst zu betrügen, will ich dir alles glauben und nunmehr dich bitten: nimm mich mit ins Reich der lichten Blumen.

 

Ich meine, zeig auch mir die Blüte der Iris, welches das Licht deines Alters sein wird, wie der mütterliche Schoss deiner frühen Jugend. Vielleicht spüre ich das was du gefunden hasst, auch in meinem müden Herzen: Schönheit die nichts will, ausser Sein.

 

Nimm mich daher, lass uns fliegen mit dem Erz des Lichts, der Lebendigkeit des Goldes, welche Engel gebiert, die schweben können, zum Kelch der lichten Blume, die verzaubert: –  Grimm zu Nemo.

 

Mit Hoffen,

dein Albert

 

 

Kampftag der Gemeinschaft

Lieber Friedrich,

 

vorab, ich wünsche dir noch einen schönen 1. Mai, Kampftag der Arbeiterklasse; hier muss ich unweigerlich an den Artikel von Monika Maron denken, den letzten Beitrag.

 

Gestern, hat sich eine grosse Überschwemmung im ganzen Königreich GB ereignet, was mich bewegte darüber noch einmal nachzulesen: bei der UN.

Gefunden habe ich den 4. Klimabericht vom Januar 2012 und den Stern Report.

Dort, bei der UN, lese ich:

Die CO2-Konzentration sei gegenwärtig so hoch wie seit wenigstens 650.000 Jahren nicht mehr. 78 Prozent der Erhöhung entfielen dem an der Erstellung des Berichts beteiligten Alfred-Wegener-Institut zufolge auf die Nutzung fossiler Brennstoffe, der Rest auf veränderte Landnutzung, wozu auch Rodungen gezählt werden. Der Klimawandel ist außerdem nicht länger ein Problem, das uns erst in der fernen Zukunft beschäftigen wird: Unter den letzten zwölf Jahren waren die elf heißesten Jahre seit dem Beginn der Wetteraufzeichnungen. „Wahrscheinlich“ waren die letzten Jahre auch die wärmsten seit mindestens 1.300 Jahren.

und weiter:

Die Auswirkungen der Zunahme von Treibhausgasen werden im globalen System der Erdatmosphäre in verschiedener Hinsicht spürbar werden: Extreme Wetterereignisse wie Wirbelstürme, Dürren, Starkregen, Hitzewellen und Überschwemmungen werden zunehmen.

Die Zeiten einer skeptischen Betrachtung des von Wissenschaftlern seit Jahren prognostizierten Klimawandels scheinen vorbei zu sein. Von politischer Seite werden die Warnungen der Wissenschaft über einen bevorstehenden Klimawandel nicht länger in den Wind geschlagen.

Quelle:

http://de.wikinews.org/wiki/Vierter_UN-Klimabericht_kündigt_dramatische_Klimaänderungen_an

 

Ich muss ergänzen, dass der Klimabericht vom Stern mit detaillierten Fakten zum Thema unterlegt ist, mit Einschätzungen, den Prognosen, welche bedrohlich anmuten.

Ich gehe davon aus, und dies nicht nur seid heute, dass die ganze Angelegenheit noch” lustigere” Ausmaße annimmt: nicht in 20 Jahren, sondern: bald.

Diese Einschätzung entnehme ich einfach meinen Beobachtungen in SF. So ist, zum Beispiel, die Sonne, welche jeden Abend unter geht, seid 2 Jahren so sehr in kurzweiligem Licht gebettet, von Blau bis Rot, ein Lila entstehen lässt, welches schön, wie in der Wüste, auch bedrohlich wirkt doch den abendliche Himmel verzaubert: als wollten sie uns entführen.

Nun, klar, wir müssen alle sterben: und was interessiert uns die Welt nach uns, wird der nüchterne Mensch sagen, ohne lügen zu müssen. Doch was werden unsere Töchter und Söhne denken von uns, die den Karren nicht in den Dreck gefahren haben? – Scheiße. Ich bemächtige mich bei dieser Benennung, einer basal bäuerlichen Ausdrucksform, die bildlich genug ist, um den Mist zu benennen, der auf ihnen lasten wird.

Und dabei denke ich an dein Buch: “Was uns zusammenhält” von Horst W. Opaschowski, welches ich angefangen habe zu lesen. Übrigens, es gefällt mir sehr. Denn es verdichtet das Ganze auf einen Punkt, welchem ich zum ersten Mal vor zwanzig Jahren gegenüberstand und heute in der Hauptstadt auf dem Trottoir immerfort vorüber ziehen sehe: den individuellen Menschen, der unverbindlich sicher über den Gehsteig wandelt, als schaute gar der Rabe hin, klug interessiert, doch nur keck von dannen hüpft. Ich möchte dir nicht den Eindruck vermitteln, dass mir eine individuelle Ausstattung an Geist, Gruppe und Glaube, die sich an der Körperhülle wieder findet, nicht wichtig ist, doch sind der Grenzen des Liebreizes oft überschritten. Woran ich das sehe! fragst du vielleicht? - und ich antworte: an dem Gewollten, der Eitelkeit, auch um den Preis der eigenen Lächerlichkeit – bemerkt, bewundert zu werden – es dennoch zu tun. In dem Tierreich ist das doch auch so, kannst entgegnen und komme dir mit der Antwort: vielleicht, doch wollen wir das wirklich?

Abschliessend möchte ich aus deinem Buch einen Abschnitt wiedergeben, der das Dilemma in dem wir uns befinden, auf einen Nenner bring und mich bewegt, dass Werk durch zu lesen.

” Unsere Gesellschaft müsste sich wieder – auf einen Kernbestand gemeinsamer geteilter Werte verpflichten – (Etzioni 1999, S. 118) und nicht nur freistellen nach persönlichem Belieben. Wenn sich die Gesellschaft nicht einmal auf einen moralischen Minimalismus verständigen kann, dann hat sie auch keine Zukunft mehr. In einem solchen Fall könnte die Vergötterung von kurzlebigen Konsumgütern an die Stelle grundlegender Werte treten. Der Konsumkult liesse sich dann nur noch durch die Psyche verändernde Drogen oder durch freies religiöses Unternehmertum steigern.”

 

Die Internationale singe ich jetzt nicht, nicht, weil sie mir unbekannt ist, sondern mir nicht ins Ohr geht: vielleicht könnten wir Neil Young bitten sie umzuschreiben.

Alles Gute zum internationalen Kampftag der “Gemeinschaft”,

und verbleibe herzlich,

Albert

 

 

Das letzte Mal – Vielleicht

Das letzte Mal – Vielleicht

 

Die zunehmende Mittagshitze, die allmählich in sein Krankenzimmer drang, quälte ihn, der Schweiß lief ihm über das Gesicht den Hals hinunter. Herr H. fürchtete um seinen Blutdruck. Er lehnte seine Gedanken noch einmal zu den tröstlichen und ermutigenden Glückwünschen, viele aus dem Ausland, besonders aus England und Frankreich, ein Gruß sogar von der Insel Lesbos. Die grosse internationalen Kommunistenfamilie. Es war Chruschtschow, der angefangen hatte, ihren vorbehaltlosen Glauben an die gewaltige , vom Humanismus geprägte Kraft der Sowjetunion zu zerstören. Warum nur? Warum? Herr H. hatte darauf bis heute keine Antwort.

Was für die Bourgeoisie  Napoleon, das war für die Arbeiterklasse Stalin, davon war Herr H. überzeugt. Seid damals aber Fragen über Fragen. Man hätte den Glauben nicht erschüttern dürfen. Und im November 89 waren es die Helden vom Politbüro selbst, die der Konterrevolution die Pforten geöffnet haben. Vor dem „grossen Reformator“ auf die Knie gegangen und an ihm, E.H., kein gutes Haar gelassen, als würden sie vor Gott und Moskau alle Sünden vergeben, wenn sie ihn darböten. So wie die Russen seinen Krebs weggelogen hatten, damit sie ihn ausliefern konnten – an ihre Geschäftsfreunde in Bonn. Stalin war nicht da, der Säufer Jelzin zog die Fäden.

Das liegen tat ihn nicht gut. Aufrecht fühlte er sich weniger krank, aber er war zu erschöpft. Die Anwälte liessen auf sich warten. Herr H. schloss die Augen und stellte sich vor, wie er an der Seite des Försters in der Schorfheide streifte und sich die Tiere für den Abschuss der nächsten Jagd zeigen ließ. Ein wohlgefälliger Gedanke verharrte bei dem ersten Ständigen Vertreter der BRD, ein gern gesehener Gast bei den Jagden, den er für sich oft den ständigen Vertreter genannt hatte. Ein leichter Schlaf nahm ihn endlich sanft in die Arme, und Herr H. träumte, er ruhe in weichen Kissen auf einem Schiff, das still dahinglitt, über das dunkle Wasser tief unter ihm. Er sah durch das Fenster auf kleine, sich kräuselnden Wellen, die ihn mit flinken, wässrigen Händen zu winken schienen. Dann aber erkannte er, dass es keine Wellen waren, die ihm winkten, sondern Menschen, die eine ozeangroße Masse Mensch mit bunten Fähnchen und Tüchern zu ihm jubelnd empor wehten. Und was er für die üppig ausgestaltete Kajüte eines Schiffes gehalten hatte, erwies sich als eine übergrosse Sänfte, in der er von vielen kräftigen Männern über die Menschen hinweg getragen wurde. Frauen streckten ihm ihre Babys entgegen, damit er sie küsste, Männer schwenkten rote Fahnen. Voller stolz blickte Herr H. auf sein Volk und grüßte zurück mit sparsamer Geste. Plötzlich kam Unruhe ins harmonische Bild, Einzelne stiegen auf Leitern, schrieen wild, reckten Fäuste, die Menschen wandten sich ihnen zu, schrieen nun auch, andere warfen Tücher und Fähnchen auf den Boden und liefen in Scharen davon. In den Gesichtern, eben noch lachend, Spott und Hass. Männer, die ihm bekannt vorkamen, früher Genossen, später Verräter, drängten sich vor, zeigten mit Fingern auf ihn, holten ihre Gefängnisjahre aus den Taschen und riefen: „Verbrecher! Mörder! Schuldig! Die Sänfte in der Herr H. nun gefangen war, wankte. Ein Gesicht mit einem roten, Landkarten Mal auf der Stirn schob sich vor das Fenster und befahl mit herrischer Stimme: Konez, Honecker. Die Sänfte stürzte, Herr H. fiel und fiel, konez, Honecker, hallte es durch die Luft.

Herr H. erwachte, den Schmerz des Aufpralls in den Gliedern. Vor ihm stand der Bedienstete, nannte ihn beim Namen, die Anwälte kämen später, sollte er ausrichten. Herr H. verlangte nach dem Arzt, er fürchte, sein Blut würde sonst die Ader sprengen. Der Blutdruck wurde gemessen und mit einer Spritze beruhigt. Er war 190 zu 100. Es war nicht das erste Mal, dass Herr H. von Bosheit und Verrat bis in seine Träume verfolgt wurde, besonders wenn er tagsüber ohne Tabletten schlief.

Für den Nachmittag erwartete er Geburtstagsgäste. Seine Tochter, der Bruder seiner Frau und vielleicht noch andere Genossen. Bis dahin wollte er den Brief an seine Frau geschrieben haben.

Von der Suppe zum Mittag aß er nur wenig, die Hitze, der Traum, die Leber.

Er suchte schon den ersten Satz an seine Frau, es musste ein wichtiger Brief werden, immerhin war heute sein achtzigster Geburtstag. Im Gefängnis. Und jeder Brief konnte der letzte sein. Letzte Briefe des Widerstandshelden schwebten ihn vor, würdig und fest im Glauben an den Sieg über das imperialistische Joch. Die Zeit würde kommen, in der die die Menschen auch seine – Briefe aus dem Gefängnis – lesen könnten, dann sollten sie Ehrfurcht empfinden wie vor den früheren Opfern der Klassenjustiz.

Herr H. schob die Suppe bei Seite und schrieb:

Meine Liebe,

heute an meinem Geburtstag, bist Du fern, aber in Sicherheit. In Deutschland wird die Hetze gegen dich fortgesetzt. Deine Leistungen in der Illegalität, als andere braun waren und ihren Führer liebten, zählen nicht. Deine Leistungen als Pionierleiterin bei der antifaschistischen Erziehung der Jugend, als Ministerin für Volksbildung interessieren nicht. Stattdessen krähen sie herum wegen Zwangsadoptionen und Kinderfolter. Ich will dich aufgrund der herrschenden Sippenhaft hier nicht haben. Nein, mein Liebes, dazu bist du mir als Frau und Genossin zu teuer.

Er erkundigte sich nach Tochter und Enkelkindern, informierte seine Frau über die Blutdruckmessungen und Pulsfreqenzen der letzten beiden Tage, über anstehende Gerichtstermine und die Gespräche mit den Anwälten. Der schon im Tagebuch vermerkte Satz viel im wieder ein:

Triumphgeheul der Sieger und das Stöhnen der Besiegten; das war gut.

Und wo, schrieb Herr H., haben wir, angesichts des Terrors, den die Kolonialherren jetzt ausüben, Schuld auf uns geladen? Wann haben wir dem Antifaschismus geschadet? Flammen in Rostock, Ausländerhass, Hitlergruß, Tausende applaudieren, eine Welle rast über die ganze frühere DDR. Und wir die Antifaschisten, wir Garanten des Weltfriedens, sollen schuld daran sein?

Seine Schrift entgleiste, die Hand zitterte. Die Empörung drückte auf sein Herz. Die Lügen, diese Verblendung. Aber Stalin war nicht da. Der große Meister in Bonn zog nun die Fäden. Er würde morgen weiter schreiben. Schließlich hatte er heute Geburtstag, vielleicht zum letzten Mal.

 

 

 

 

von

Manika Maron

 

Wolf und der Wulf

Wolf und der Wulf

 

Wesentlich ist es frei zu sein und reumütig einem größeren Spitzbuben zu gehorchen, als man selbst ist*, wird sich Wolf gedacht haben, als er am Morgen in den Wald zog, um Kaminholz zu machen.

Am Abend zuvor bemühte er seinen Fernseher, ihn einen Politiker zu zeigen, der der Erste im Lande sein soll. In den Nachrichten nannte der Sprecher ihn kurz Wulf und erst später erwähnte er seinen hohen Rang, was er unhöflich fand. Vielleicht lag es daran, dass der Nachrichtensprecher schäbiges über den Herrn sagen musste und daher ernst war. Auch machte sein Vater keinen Heel drum ihn nicht zu mögen. Doch Wolf fand Wulf gar nicht so übel. Aber auch seine Kollegen auf der Arbeit lästerten in den Pausen umher, während sie die Bude vollqualmten und über Wulf herzogen, als wäre er ein gelackter Affe. Vielleicht waren sie einfach nur neidisch, weil er gross und schlank war und mit seinen blauen Augen immer gleich aus schaute. Sein Gesicht glänzte makellos und das Nasengestell war kaum zu sehen, auf der gediegenen Nase. Der glatte Anzug den der Mann trug, war ihn selbst zwar zu edel, doch anders treten wichtige Leute nicht auf, die etwas zu sagen haben, dachte er; und wenn er mal unsicher würde, könnte er sich hinter dem Zwirn gut verstecken. Immerhin ist er Bundespräsident und zeigt Deutschland in der Welt, so wie es sein sollte – smart und stark – wozu der Herr Wulf eine passenden Figur machte; auch die Blonde an seiner Seite. Wolf findet sie vielleicht ein wenig zu hübsch für einen Politiker, dessen Beruf Bescheidenheit ist, doch wisse er aus Erfahrung, dass das schöne Weib den starken Mann sucht; und wer kann da schon widerstehen – doch nur ein Homo. Im ganzen betrachtet hatte er für die Beiden Sympathien, obwohl Wolf als einfacher Mann von Arbeit, die da oben mit Gleichgültigkeit sah und als notwendiges Übel.

Daher interessierte er sich nicht für die Politik, Wirtschaft oder so etwas, ausser es käme für ihn etwas herum, was er nicht glaubte. In dieser Angelegenheit wird das nicht anders sein, sinnierte er und stellte sich die Kurven der Präsidentin vor. Er verspürte wohlwollen den Kollegen gegenüber, welche seine Baubude zwar vollqualmten, doch über die Quatscherei – eine Dame von Welt – kennenlernte. Und so bekam er das Gefühl, dass der Präsident ein Mensch wie er sei, der ein Haus, zwei Frauen, auch Wald und Wasser besitzt, zwar nicht mehr ganz so wie damals – als Volkseigentum.

Der Bundespräsident war für Wolf bis gestern Abend fast unbekannt. Das ist nichts besonderes, denn ausser geschwollen quatschen, können die da oben doch nicht – das wusste er von früher, als Wolf noch ohne zu zahlen einkaufte. Doch heute ist das anders herum – man muss für Holz und Fisch teuer löhnen; auch einen Puff gibt es, das macht die Sache zwar nicht besser, doch schlecht ist es auch nicht.  Irgendwie versteht er seid gestern Abend die Demokratie besser, weil alles in der Republik möglich ist – er wusste nur noch nicht wie. Dann dachte er wieder an den smarte Herrn mit der sexy Braut, die in einem weissen Schloss wohnten; seine Kollegen hatten tatsächlich recht. Und  er verstand nicht warum der hohe Herr in den Nachrichten war – er hatte doch eigentlich nichts zu sagen. Denn nur weil einer im Schloss residiert, so heisst das wohl, muss er nicht wichtig sein. Vielleicht liegt es daran, dass er als Bundespräsident im Bundestag gewählt wurde: frei – so sagt man wohl. Seine Partei kann es nicht gewesen sein: sonst hätte der König bestimmt etwas zu sagen.

Und die Nörgeleien hätte er natürlich untersagt! Dabei viel Wolf ein, dass der Wulf Christian heisst, zu sympathisch irgendwie, für das Wagnis herrisch zu diktieren, bei einer grossen Zeitung. Dem müssen die Schmierereien vom Ohr ins Hirn gepickt haben, dachte er, wenn Christian gleich den Direktor anklingelt – der geistesgegenwärtig nicht anwesend war. Aus Ungeduld sprach er auf‘ s Band; wie man hört nicht gerade sympathisch. Dem Chef schlug der Ton auch wo hin, – über seine Muskeln, in die starke Zeitung; er sprach von Veröffentlichung. Damit hatte Christian nicht gerechnet, dass so ein Schmierer – mir nichts dir nichts droht, – wo bleibt da die Diskretion: vor dem hohen Amt? – Warum nicht? blinzelte Wolf dem Morgen entgegen: denn dass Volk hat ein Recht auf Karneval. Und besonders – wenn eine Krähe der Anderen -, na ja, der Vergleich hinkt wohl – Wolf fasst sich an sein Ohr. Doch andererseits muss ein solcher doch wissen, dass die Monarchie vorbei ist und heute Alle  alles wissen; die Leute mehr noch als die Herrn da oben!  Und das macht Freude – nicht nur der Demokratie. Weil die Presse für alle schnüffelt, quasi – von uns erfunden: geschaffen um zu regieren.

Und da macht der Wulf mit, sagte sich Wolf – und gibt der Welt den Beweis, dass regieren auch Dummheit ist: denn ein wahrer Demokrat – der ist wie alle!

Auf der anderen Seite muss man auch fragen dürfen, dachte er, warum die da Oben keinen cleveren Präsidenten gefunden haben, als diesen Prinzen aus, ich glaube, dem Westen; welche Waldschule hat den denn gepflanzt? – Man muss doch wissen, – ach was mische ich mich da ein.

Und, bei aller Sympathie für die sexy Blonde, muss sich der Mann vor die Kamera stellen und Busse tun! – Wolf stand fassungslos auf seinem Hof – die Motorsäge in der Hand und harrt einen Augenblick. Ein König den er sich vorstellte, käme nicht einmal – bei bei Androhung des Galgens – auf die Vorstellung, sich zu entschuldigen! Das hatte Wolf von seinem Vater erlernt, der nach einer strengen Frage, sich ans Ohr fasste und vom Alten zu hören bekam: „ Jung, bleib ehrlich, dann musst du auch nicht beichten!“ Dies hielt Wolf bis heute in ehren und bevor er log – lieber nichts sagte, um nicht nieder zu knien. Hatte denn der Herr Wulf keinen Vater, fragte er sich nachdenklich, der ihm das Leben verklickerte und predigte wie sein Alter: „ Jung, du bist erst dann König, wenn klein Christian denkt – und dann erst lenkt!“ Mit diesem Elternrat legte er seine Motorsäge in den Kofferraum und setzte sich hinter das Lenkrad. Es ist ein Transporter seiner Firma – sein Eigenes ist im heilig. Es war ein Geschenk von der Frau Kanzlerin. Ein Schnäppchen vom Staat, sozusagen, wegen der Finanzkrise. Für Wolf war das Geld wie von germanischen Göttern dem Staat erpresst, um der Gleichheit willen. Leider, ärgerte sich Wolf, das Geschenk vergeudet zu haben – für ein teureres Model. Eigentlich ist er sparsam, doch durch eine neblige Zauberei, unterschrieb er den Kaufvertrag. Doch heute wisse er warum, woher das Willenlose kam: denn, durch den Kapitalist und seine Kapitulation – er weiss bloss nicht: warum er.

Vielleicht sollte der Bundespräsident es eben so machen, nicht wie ein Royal‘ er sondern  wie ein Kapitaler, den Direktor vermittels einer Tarnkappe zum Kaufvertrag führen und mit seiner Unterschrift einen Porsche kaufen lassen. So hat er den Schmierfinken kapitulieren lassen – und  braucht keine herrischen Telefonate zu fürchten, weil nach dem dritten 911‘ er der Herr Direktor sich wünschen wird – nie geheiratet zu haben und nach dem sechsten Vertrag – seine Zeitung freiwillig verkauft. Doch werden dem Christian die Millionen zu viel sein,  daher sollte er sich eine zweite Frau zulegen, dass führt neuen Saft ins Holz und lässt es wachen; dass weiss Wolf ganz genau, startete beglückt den Motor, der Sonne entgegen.

Als er seinen kleinen Ort verliess, schauten die blauen Augen über die weite Landschaft seiner Heimat und sahen wie gut er es hat. Wenn da nicht der Fernseher wäre, welcher ihn aus der Natur verleitete, in die sündige Stadt hinein. Und so sah Wolf den Präsidenten wieder und eine kleine Geschichte, welche ihn als Kind beglückte. Er dachte nach. Und als Wolf an der deutschen Eiche vorbei kam, die er als Bub emsig bestieg, erinnerte er sich wieder und sagte erlöst: „ Der Hase und der Igel.“

Vergnügt schaltete Wolf das Radio ein, fasste sich zwischen den Schritt und war überrascht seine Lieblinge zu hören; Tom Petty and the Heartbreakers. Den Namen sprach er singend aus, wobei das „s“ fein und lang aus den Lippen lispelte, als wäre er in England. Als das Lied aufhörte seine Schuhspitze auf dem Gas tanzen zu lassen, redete eine Stimme ernst über den Mann, der wohl – das nicht aussitzen könne. Wolf kutschierte gerade in eine Biegung, als das Radio aussetze und die Hand am selbigen herumdrehte. Doch er vernahm nur Bruchstücke aus dem Äther. Scheisse, beklagte er sich korrigierend über seinen Ausfall und meinte – Tom Petty wären besser. Doch das Gequatsche hört nie auf. Es war zu spät, seine Ohren klebten gespitzt wie ein Bleistift am glatten Papier und ritzten Silben in sein Hirn: „ … Hannov – Gericht klagt Wulf an -. Immunität – gehoben.“ Dann machte das Radio schlapp, im Tal der Landwehr, zwischen dem Geäst der Eichen zerbrach der dünne Ast zur Aussenwelt. Wolf liess seine Schnelligkeit altern, um kantig in die linke Schneise zu biegen, wo ein Sonnenlicht den Waldboden erhellte. Dort lag eine gediegene Eiche, welche von einem heftigen Windstoss erfasst beim Fall sich legte und stolze Äste nach oben reckte; da lag sie nun recht struppig. Auf dieses fette Holz hatte es Wolf abgesehen und obwohl der Sprecher noch in ihm zappelte, wie ein Brummer im Spinnennetz, konnte er den Augenblick für sich gewinnen. Er stellte sich vor eine Spinne zu sein, die die fette Fliege an sich nahm, wie die struppige Eiche; er schmiss die Motorsäge an, sie heulte wie der Sturm als der Baum noch stand und emsig begann Wolf und vergass den Wulf.

 

Oscar Wilde*

(2.Teil – Der Abspann)

 

Brief über das Kameradenschwein

Mein hoch geschätzten Freund,

 

es ist ohne Zweifel – fragwürdig sich in eine Beziehung zu mischen,

auch wenn man durch die Vertraulichkeit des Fragenden in die Rolle eines Würdigen gerät,

welche eine zusätzliche Erhöhung dadurch erfährt, dass es auch mich betrifft. Denn alles

was wir tuen – bezieht sich auf uns; unseren Wünschen und Sehnsüchten.

In dem dir vorliegendem Problem, dass du Freund des Freundes bist, dessen Freundin sich an dich wendet und du der Versuchung unterliegst zu helfen, macht das Ungemach – ein

” Kameradenschwein” zu sein – dir sorge, was zu verstehen naheliegend ist. Doch sind die Dinge, welche uns umtreiben immer Mehrdeutig, sodass in dem Schlechten auch das Gute und allemal das Nichtige zu finden sein wird.

Zum Ersten kann alles eine moralische Tortour werden, wenn göttliche Erziehung das junge Fleisch geisselte: dich streng moralisch werden liess, durch eine katholisch sexuellen Vorbestimmung.

Eine höhere Instanz, also Gott, wie er auch heisst, ist immer Allmächtig, muss es auch sein, weil wir uns sonst zu großartig fühlten – bis hin zum Wahnsinn; und dagegen hilft nur Demut. ( Ausser Nero, – er war selbst Gott, – oder der trunkene Mann, welcher mit dem Rausch zu Nero wird; – und die strenge Frau in ihrem Dienen zum Kinde – sich erhöht und zur Herrin aufsteigt.)

Der Mensch musste in seiner Werdung eine Spitzfindigkeit erfinden, welche sich von der unendlichen Willkür der Natur abgrenzt, weil er selbst ein Wesen ohne Grenzen – doch begrenztem Horizont ist. Und diese Stärke erreichte er durch das Miteinander, welches

der Homo Erectus in der Sprache bis zur Perfektion treibt und zusammen mit und gegen sich selbst eifert: Grenzenlos mächtig zu werden. Die ihn ernährende Natur ist schon fast besiegt – nun bleibt nur noch er selbst, der Homo Sapiens, den er überwinden muss: bis zum letzen Atemzug ist er strebend, um sein Recht wissend, – und erst im letzen Lichtschein seiner  Erleuchtung – die Wahrheit erfährt: dass alles, alles vergebens war.

Und doch geht es immer um das Weib, welches verteufelt und verehrt wird; es ist das Muster der

Gottesverehrung. Und der Mann legt wert darauf, dass er die Hure im Bett hat und …. ; doch das ist unmöglich, ausser es wären zwei Weiber, die sich nie begegneten. So hat die Frau einen schweren Diest am Manne, doch ihre Zukunft ist ihr sicher, weil aus ihr selbst geboren! Der Mann hingegen besitzt nur den Nachnahmen und die Vorstellung: es sei sein Kind, worauf er wettet und auch schwört, bis zum Krieg – denn die Wahrheit kann sein Schaden sein.

Was ich sagen möchte, dass der gemeine Mensch unsicher seiner Existenz ist, eine starke Hand benötigt, um ohne Angst sicher zu handeln. Wenn ein Zweifel entsteht, dann bekommt er Schuldgefühle, welche durch die Religionen – als stärkstes Mittel der Mässigung – stärkend eingesetzt wird. Dagegen strebt der natürliche Wunsch des Menschen frei in seiner Einscheidung zu sein, welches ein lachendes Handeln nach sich zieht: doch solcher Weg ist auf Dauer schwer, weil alles im Chaos enden muss, – wenn nicht – eine starke Energie, welche Ordnung hat, der eigenen Freiheit das chaotische nimmt und somit erhält; weil die Dinge gewöhnlich schlimmer werden, nicht aber besser. Dagegen hilft das Denken mit sich selbst, denn wenn der Mensch denkt, schafft er seelisch geordnete Energie - durch den Dialog mit dem – Für und Wider.

Doch Menschen reden mehr mit anderen Menschen, über alltägliche Bedürfnisse oder hohe Erlebnisse die sie erfuhren und anstreben oder jetzt sofort haben möchten; doch, weniger über die Ursachen ihres Unbehagens: welches Mangel ist.

Wenn ich in den dir berückenden Seelenzustand mich hineinführe, fühle ich – kein – Unbehagen, wie es deiner beschieden ist, durch deinen Skrupel. Denn der Apfel der Erkenntnis ist hier durchlöchert von einem Wurm, der den Verzehrer bedeuten möchte: dass zur Liebe Achtung gehört und durchlöchert – bitter schmeckt.

Auch ein mir persönlich zur Kenntnis gekommenes Erlebnis, welches in mir Unbehagen auslöste, macht es mir schwer zu glauben, von Wertschätzung zu sprechen: seitens des Mannes. Die starken Worte von hoher Bewunderung, welche vom Selbigen in das hiesige Publikum gestreut wurden, lassen in mir eher eine Glorifizierung erahnen, als herzliche Liebe. Eine ins Auge fallende Gebärde, welche durch den Anspruch des Posaunenden genährt wird, macht aus einer Goldmarie - im Schatten des Alltags – eine Pechmarie.

Das Gute an diesem Possenspiel ist, wie meine Omi einst sann, wenn die Hoffnung aufbegehrte:

„ Zu jedem Topf passt ein Deckel.“ und mir deucht, dass auch der Braten gelingt, welcher einen grossen oder zu kleinen Deckel hatte: nur – genug Feuer.

Die letzte Sicht auf die moralische Welt überlasse ich dem Buch: ” Der Mythos des Syssiphos” von Albert Camus.

Wer es liesst, wird seinen Limes des Erlaubten in den Süden verlegen, wo Wärme und Wasser das Leben leichter und – die Freiheit im Tod lebendiger macht; geradewegs zur Kinderstube – von der amorph perversen bis zur phallischen Phase - alles erlaubt, rein ist: weil es nichts will: nur – spielen.

So wird aus dem „Kameradenschwein“ ein ganz Natürliches und findet mit seinem Rüssel den leckeren Trüffel.

Machs Gut,

Albert

 

 

Am Tag danach: Nacht im Kiez

Berlin: Tage im Leben des Albert K.

Am Tag danach: Nacht im Kiez   ( Erster Teil)

 

Ich gehe schon eine weile, bis ich sie sehe. Vor der Hauswand ist es dunkel. Neben mir kleine Schilder mit schwarzen Nummern. In der Ferne schimmert es gelblich und ein roter Punkt leuchtet grell. Davor heben sich bewegliche Schatten ab. Einige sind kleiner und unbeweglich. Geräusche entwickeln sich zu Stimmen. Ich gehe und sehe jetzt runde Schatten vor mir sitzen. Sie unterhalten sich angeregt. Es sind drei Frauen. Ich gehe vorbei zur offenen Tür, sie riecht nach kaltem Qualm. Über ihr klappert ein Lüfter hastig. Ich will mich setzten und suche einen Platz. Links neben der Tür ist eine Hauswand mit einem grossen Fenster. Dort sitzen auch Männer an Tischen. Mein suchender Blick wird unsicher. Sie blicken zu mir. Ich mühe mich einen Platz zu finden und gehe dann hinein. Der Tresen erscheint nach vier Schritten vor mir und ist auch voll. Nur in der Mitte lockt eine schmale Stelle. Auf einem Sofa sitzt ne Blonde und ein Androgyn. Ich zweifle, gehe zur Lücke und blicke hindurch – auf Atalante. Sie bemerkt mich und verschwindet. Ich warte.

Links von mir stehen zwei Männer, die auch auf etwas warten. Von der Wand schallt Musik. Sie ist italienisch, wie das Lokal. Eine neue Melodie setzt ein. Plötzlich werde ich von unten angesprochen. Vor mir steht Atalante und sagt: “prego“. Gleichzeitig blicken mich zwei dunkle ernste Augen an. Sie schauen zu mir auf. Ich antworte unsicher mit: „hi“. Sie wirkt jetzt sanfter und erwidert: „buonasera“. Dann schweigen wir. Es kommt mir lange vor. Die zwei Männer wurden still. Ihre Köpfe gierten über den Tresen. Atalante fragt mich: „lieblich oder trocken?“. Diese Frage wollte ich nicht beantworten und wies mit meiner rechten Hand nach draussen und sagte: „ Giovanni weiss das“. Ich zweifle an der Art mich mitzuteilen. Sie merkte das und sagte:„Aber du wirst doch wissen wohl, trocken oder nicht? Albert!“ Ihre dunklen Augen schauen mich unbeweglich an und machen aus mir einen Spagetti-Auflauf. Einer von den Männern möchte seinen Witz ihr mitteilen und prustet lustvoll über den Tresen. Der Andere hatte eine bessere Kindheit erlebt. Ich schwieg auch, aber aus anderen Gründen. Meine Augen sind starr und die Wimpern wehren sich nicht. Atalante verstand sofort. Die beiden Männer machten nicht den Eindruck. Sie warten auf ihren nächsten Auftritt. Ein italienischer Schlager verstärkt ihre Hoffnung. Ich drehte meinen Kopf nach links, wo das Sofa am grossen Fenster steht. Dort finde ich den Androgyn. Mein rechtes Ohr fängt eine sanfte Stimme ein. „ Willst du nicht kosten einfach?“ Ich drehe mich um und nicke. Atalante giesst ein und schaut mich an, ihre Augen sind fast freundlich. Sie setzt das Glas langsam auf den Tresen. Sechs Augen begleiten den Akt, während meine den Androgyn aufsuchen. Es ist eine Frau. Enttäuscht denke ich und greife zum Glas; die Nächste in Erwartung. Aber sie stellt sich nicht ein, denn der Wein schmeckte wie von Giovanni. Eine ferne Enttäuschung und meine nahe Verwunderung trafen in meinem Gesichtsausdruck zusammen. Ein komisches Bild, muss ich abgeben.

Die Theke an der ich stehe, hat einen Winkel nach rechts. Sie führt nah an der Wand entlang, der Toilette entgegen. Zwischen Wand und Theke sitzen zwei Männer. Den Ersten sehe ich von hinten, es ist Florian. Sein Gesprächspartner hat runde Wangen und schaut durch eine Brille. Er zieht an seiner Zigarre und hebt dabei das Kinn. Schwaden von Rauch züngeln langsam aus seinem Mund. Sein Gesicht bleibt ohne Regung und seine Brille erinnert mich an ein Wirtschaftswunder. Ludwig Erhard ist auferstanden. Mein Weg führt zum Gestern des jetzt. Meine Turnschuhe sind von heute und bequem. Sie tragen mich durch den Schlauch, bis zum Ende, wo Florian schon lächelt. Er versteht sich mit jedem. Unsere Hände habe die gleiche Temperatur. Er stellt mich Ludwig vor, der Edwin heisst. Er gibt mir die rechte Hand, woraus seine Zigarre glüht. Seine Verlegenheit verzerrte sein Ebenbild. Edwin lächelte wie ein Wunderkind und gibt mir seine Linke. Die Finger daran sind prall wie Bockwürste. Die Haut entspricht der Haptik nicht. Behäbig bittet er mich um Verständnis. Ich antworte verständig: „Verstehe: ZigarrenEthik.“ Lächelnd, wende ich mich zu Florian und empfehle mich.

In meiner Hose vibriert es. Angenehm greife ich in meine Tasche und drücke auf Empfang. Ich: „Hallo?“. Eine Frau antwortet: „Windhund komme endlich: ich warte auf dich.“ Es ist Aletheia. Sie redet weiter, was sie immer tut. Ich höre ihr geduldig zu und vermisse schon das vibrieren. Nach einigen Sätzen kam ich in ihr Spiel: „ Wann kommst du?“ Ich antworte wie immer: “Gar nicht.“ Sie argumentiert: „Aber du musst den Einbrecher überführen, er bedroht unser Häuschen!“ Meine Stirn faltet sich und die Knie knicken nach vorn. Ein Barhocker fängt mich auf, der nun auf meinem Hintern sitzt.

Ich antworte nicht, was sie weiter reden lässt.

„Er schleicht jede Nacht, um unser heiliges Häuschen. Ich habe Bruder Georg schon um Hilfe gebeten, doch der kann von seinem Kloster nicht weg. Windhund! – komm endlich und beschütze dein Haus!“ Pause.

„ Schlappohr, komm endlich, – du bekommst auch dein Geld; gleich, wenn du hier bist.“

Ich könne jeder Zeit kommen, höre ich dazu: „ Setzt dich morgen in den Zug und komm!“ , das wäre das Beste für dich, spricht Aletheia. Ok, dachte ich;  nicht‘s Neues, nur Bekanntes von der heiligen Anstalt.

„ Du bekommst das Geld wirklich!“, wiederholt sie eindringlich.

„ Nur nicht über dein Konto, dass wäre nicht gut. Ich muss es dir persönlich geben! – aber du bekommst es bestimmt, dass schwöre ich dir: beim alten Bruder Georg.“

Ich frage: „ Wer ist das?“

Aletheia war erstaunt und mütterlich gerührt, setzt hinzu: „Aber du besitzt doch die heilige Bibel von Bruder Georg, die ich dir geschenkt habe. Oder hasst du sie dem hässlichen Mondgesicht geschenkt!“ Bei den Worten ist mir nicht wohl.

„ Aletheia, ich stehe in meiner Kneipe und der Anblick meines Weines, engt den Geist ein und meine Augen, die sich befeuchten. Ich weine vor Begierde, den heiligen Tropfen endlich, in Friede und im Einklang mit der Heiligkeit, trinken zu dürfen!“

Sie, die heilige Himmelsfrau reagiert verwundert und hebt ihre Stimme, wie von einem Baume zwitschernd:

„Hasst du gekifft! Windhund?“

Dabei steigert sie ihre Stimme, wie eine Amsel, gleichwohl im hohen Tone, kaum endend. Ich fühle mich überspannt, doch antworte ich wie ein entspannter Bruder:„Aletheia!“ , setze eine Pause hinzu und meine: „Du gibst mir die Kohle ohnehin nicht, und das weisst du auch.“

„ Nein!“ schallte sie aufgewühlt: „ Ich schwöre dir, du bekommst dein Geld! Das schwöre ich, nicht nur beim Bruder Georg, sondern auch bei meinem guten Krebs! Du weisst was das bedeutet, wenn ich das sage! – Der alte Krebs, wie du weisst, war mein alter Hund, auf den ich mich immer verlassen konnte, wie du auf mich jetzt: bestimmt!“

Sie legt eine kurze Pause ein. Ich schaue an die Decke, in qualmige Spinnweben und bete in die höh: „ Oh, gütiger Gott.“

Aletheia ist über meine Antwort erfreut und spricht samten weiter:“ Na siehst du, lieber Windhund, du kannst dich auf mich verlassen, wie ich mich auf den alten Krebs und auch Bruder Georg, verlassen konnte. Jawohl, auf die heilige Bibel und den guten alten Hund. Daher musst du mir vertrauen und, wenn du kommst, etwas ganz wichtiges mitbringen. Das brauchen wir hier unbedingt; du weisst schon wofür.“

„Was?“, frage ich wissend.

„Du weisst schon, die kleinen Dinger vom letzten mal, damit wir uns verteidigen können.“

Ich frage nochmals: „Was meinst du eigentlich – Bienchen!“

So nenne ich sie,  wenn Aletheia für mich auf ihrer Bühne steht; zu meinem Text spricht und mich schadenfroh erfreut.

„ Du weisst schon, Schlappohr; für das Ding, was wir im Stuttgarter Wald ausprobiert haben, – wo die urigen Wildschweine uns, – du weisst schon, fasst umliefen und das Ding uns beschützt hat. Dafür brauchen wir diese, – was man dort rein stecken muss, – Hüllen.“

Ich bin amüsiert und frage:“ Was meinst du eigentlich: sage es einfach!“

Aletheia erklärt, dass sie das nicht am Telefon sagen könne und fängt von vorne an. „Meinst du etwa Kondome, Bienchen?“, werfe ich ein.

Entzückt deklamiert sie: „ Aber Windhund, geknokelt wird nicht mehr: wir sind doch nur Freunde.“ Das letzte Wort zieht sie, im auf und ab ihres Entzückens, genüsslich in die Länge.

Ich antworte: „Hallo? Wildschweine – meine ich, nicht wir und knokeln! – aber“, und fügte hinzu:“ das müssen die doch tun, weil sie immer ins Schwarze treffen. – Oder?“

„ Wie meinst du denn das, Windhund! Berlin tut dir gar nicht gut und“, ich unterbreche,

„ Hasst du nicht selbst gesehen, dass es viele waren?“, und setzte fröhlich hinzu, „ Auf deinem heiligen Berg wird auch geknokelt! sich heilig vermehrt.“

Sie spielt pikiert die Schüchterne: „ Windhund, du bist ja ein richtiges Ferkel geworden! Das macht alles dein schmutziges Berlin aus dir und das hässliche Mondgesicht!“ In der Mitte des letzten Wortes hebt sie ihre Stimme bis zu den Sternen und fällt als Sternschnuppe ins Schweigen.

Danach höre ich: „Du musst unbedingt aus dem dreckigen Berlin heraus und zu mir kommen! Hier, auf dem heiligen Berg, kann ich dich gesund pflegen, zusammen mit dem heiligen Wasser. Dann gehen wir jeden Tag zur heiligen Kapelle beten. Und danach bekommst von mir das beste Essen, was du willst, auch wann du willst; Fasanenbrust oder Wildschweinbraten, zu jeder Zeit. In deinem Näpfchen findest du nur das beste Futter: Windhund. Aber nur bei mir – dass weisst du! – Wenn du hier bist, werden wir auf unserem heiligen Berg, jeden Nacht zum Bruder Georg beten; gleich hinter unserem Häuschen, wo unsere heilige Quelle und die Wallfahrtskapelle steht. Das hat dir doch immer gut gefallen, oder? Windhund! – Und dann besuchen wir auch unseren Knokel-Felsen; aber wir beten nur!“ Ihren Zusatz zieht sie so langsam hin und hoch, wie das schwingen einer Schaukel, auf dem Meeresgrund.

„Danach gehen wir zu unserer Kirche in Valtravaglia: zu dem Altar, wo wir geheiratet haben! dass weisst du doch noch! – Schlappohr?“

Ich bin gerade dabei meinen Seelenfrieden zu verlieren, als sich ein weicher Körper an mich drückt. Mir ist dies unangenehm, bis mich ein Gesicht anschaut. Ich bin galant und drücke mich an das schmale Brett, welches aus der Wand ragt. Auf dem steht ein Weinglas, welches mein weisses Hemd berührt und ankippt. Ich ergreife den Kelch fast schwebend. Ein roter Tropfen benetzt das Weiss und gesellt sich neben meinen Knopf. Ich sehe nach rechts. Dort entschwindet mir der pralle Rock mit dem Gesicht. Sie wollen zur Toilette, was ihnen schwer fällt. Denn der Schlauch zwischen Wand und Theke ist schmaler geworden. Die enge Gasse ist jetzt mit Menschen gefüllt, die aufmerksam, doch lässig warten; auf jene Berührungen, die keine mehr sind. Denn Männer rauchen hier, weil sie darauf hoffen.

Meine Augen werden feucht vom weiss der Wolken, die sich lustvoll, wie gläserne Gefühle, in mich zu dringen wünschen. Rauch steht auch zwischen anderen Häuptern und Köpfen, Schwaden, die wie narkotische Offenbarungen auf mich lasten. Eine wirre Stimme erreicht mich von dort. Ich kann mich erinnern, greife zum Telefon und begleite es durch das qualmende Freudenhaus. Angekommen, – redet Aletheia noch, als hörte ich noch zu. Ich wundere mich nicht. Sie wartet selten oder gar nicht auf eine Antwort.

Aletheia wendet sich nun plötzlich an mich: „He, bist du noch da?“

„Ja.“, antworte ich.

Und wieder redet sie; erklärt mir ihr Ding, was sie unbedingt haben muss. Ich lasse ihrer Worte freien lauf und schaue zum grossen Fenster. Rechts steht noch die Designercouch mit den hohen Lehnen. Sie ist schwarz und schön. Bauhaus, fällt mir ein. Sie ist immer noch bewohnt. Die beiden Damen dazwischen bemühen sich, adrett, schön zu sitzen; wobei ihre Arme suchen. Sie sind bemüht es zu finden: bequemes und adrettes zugleich. Die Blonde gibt sich dabei wenig Mühe: sie sieht gut aus. Ihre Freundin starrt mit Adleraugen und fliegt durch den Raum: sie sieht schlecht. Ihre androgyne Aura ist verblasst, das männliche hält sich tapfer. Sie fühlt in ihren Augen, was ihr fehlt.

Aletheia will nicht sagen, was ich möchte. Denn sie weiss schon alles und redet lieber, als ihre Zeit mit Fragen zu verschwenden. Aber das ist nichts neues und presse meinen Willen zwischen ihre Sätze: „ Ich werde nicht kommen. Meine Bedingung kennst du!“

Sie redet unbekümmert weiter.

Dabei denke ich daran, wie lange das schon so geht, mit ihren Wünschen und Verheissungen.  Ewig, kommt es vor, ein normales Gespräch geführt zu haben. Viele Monde liegen dazwischen. Heute ist unser Umgang, wie zwischen einer Fasanenbrust und einem Wildschweinbraten. Keiner von Beiden hat etwas zu erwarten, nur ein Dritter. Vielleicht wird es ein Psychologe sein, der aus Fragen von Antworten, SpinnwebenEintopf zaubert und einem verwirrten Förster füttern lässt. Worauf dieser den Seelenklempner erschiesst und auf dessen Couch singt. So wie einer, der ein Gespräch beenden muss, weil er keine Fragen mehr hat; das Telefon vom Kopf zum Herz führt, wo unter dem Jackett eine Brusttasche wartet, die antwortet: Nichts.

Das bin ich auch, der den dunklen Wein auf dem schmalen Brett begreift, welches kantig aus der Wand ragt und seine runden Lippen küsst.

Angenommen, merk er, es ist leer, wie das heilige Wasser von Aletheia.

Ich stehe mit dem Gesicht zur Wand, sie ist dunkel, wie der Boden auf dem ich stehe. Hinter mir macht sich eine helle Stimme gehör; gleichwohl wird mein Magen an das Brett gedrückt, welches weiter störrisch aus der Wand ragt. Ich drehe mich um und schaue in zwei Augen; über ihnen wippen Wimpern. Es ist Lola.

Lange Haare fallen seitlich an ihr herunter – über meine Iris, dem Faden der Evolution folgend, dem Labyrinth des Anfangs entgegen, in die alte Amygdala.

Sie ist das Organ, welches sich meiner Angst annimmt und koordiniert; Bewertungen und Wiedererkennung von Situationen vornimmt, die die Grundlage für Analysen möglicher Gefahren sind. Im Moment erkundet sie, in wie fern ich Gefahr laufen kann, meine Faulheit ein Gespräch zu führen, mit der Fähigkeit scharmant zu bleiben, nicht einen zu können. Welches in Bezug auf meine Berliner Erfahrung von Nachteil ist, denn Spaltung verhindert die Einheit.

Doch meine Amygdala ist erfahren, bereit für:

Menschen die sich verstehen, worauf sie wert legen.

Doch treffen sie einander nicht, muss der Renegat erkannt werden, um der eigenen Sicherheit willen. Dabei besteht die Aufgabe des Delinquenten darin, zu ertragen, dass der Erkennende dem Erkannten die Feinigkeit auferlegt, sich korrigieren zu dürfen. Wer hierin unsensibel, gar rigide ist, begibt sich in die Gefahr ein Barbar zu sein; welches nur von Menschen als Gnade empfunden wird, welcher abgeschlossen hat: mit dem Menschen.

Doch bin ich froh, gut beraten zu sein: mit einer Amygdala; die vom ewigem Feuer der Angst geprägt, von Ängsten der Ahnen erprobt, sagt:

mache was du willst, wehre dich, doch höre auf mich allein!

Sie ist ein Jungbrunnen und das Älteste an mir, das Feuer zweier Flammen, die Glut leidenschaftlicher Natur, welche Rot und Grau, entflammt oder erstickt, ewig zum Rückzug oder Angriff bereit.

Ich bin stolz auf mein Limbisches System.

Obwohl der Name eher abgehoben, auch unnatürlich klingt, handelt das Organ ganz natürlich – auch gegen mich. Dann, wenn die Wasser meiner begehrlichen Worte zu Tale streben wollen und die Bergschlucht nicht vorhanden ist, welche ihr ermöglicht:

von der Höhe, in rauschendes Verlangen, zu fallen.

Denn das Begehren braucht hohe Luft, um über den Abgrund zu blicken, in die Lust der Triebe.

Mein Feuer der zwei Flammen hat sich für das Grau der Asche entschieden, was bedeutet, dass mein Interesse sie nicht emporheben kann, in die hohe Lust der Triebe:

auch nicht in eine Unterhaltung.

Drum denke ich an die Aufgabe, mich Lola als guten Delinquenten zu empfehlen, der erträgt, dass Sie meine Feinigkeit hierin prüfen darf, mich zu korrigieren.

Da ich die smarte Operation, ohne Missgeschick des Zufalls, bestehen möchte, suche ich nach einem Famulus. Mir fällt ein, es ist der Schwache.

Ich kann mich erinnern, dass Lola der Neigung unterliegt, einer schwachen Natur Gnade zu gewähren, besonders, wenn sie leidet.

Im Anfang meines Handels, ändert sich zunächst die WimpernFrequenz, welche ich erhöhe. Dadurch, vermittels ihrer Urteilskraft, ist sie eingestimmt.

Wimpern wippen zufrieden. Dann spricht sie mit feiner Freude, direkt, mir ins Gesicht:

„ Albert, es ist ja wunderbar, dass ich dich hier treffe: wie geht es dir?“ ,und fügt schnippisch hinzu, „ Du siehst, ein wenig – durcheinander aus.“

„ Nein“, gebe ich vor und korrigiere: „ Ja -.“

Getrieben durch mein Ungeschick, gesichert durch meine Amygdala, deklamiere ich:

„ – weiss auch nicht, was mit mir los ist! – vielleicht bist du es mit deiner Jugend:

dem Jungbrunnen und dem Frosch.“

„ Nimm mich nicht auf den Arm – Albert! denn ich fühle mich ermattet; das Geschäft und die Männer im allgemeinen…“

„ Das tut mir für Sie leid – Lola.“ , und deklamiere wieder, „ Nein, ich meine natürlich dich und nicht -“

Ich stelle mich an, wie ein Faultier auf einem Rennpferd.

Ungeschickt sieht und unbeholfen steht es nun da.

Ich halte den Eindruck meiner Verlegenheit einen Herzschlag aus, bis ich den Ausdruck meiner Operation mit den Worten enden lasse:

„ Ich weiss auch nicht, wie du‘ s machst -, du strahlst-, nein, du sprühst erfrischendes in die Welt.“

Sie ist aufmerksam, noch nicht überzeugt.

Um mein Kompliment glaubwürdiger zu machen, hebe ich meine Arme so, als könne mir kein Vorwurf gemacht werden, wenn ich mich im Labyrinth ihrer Unwiderstehlichkeit verirre. Gleichzeitig ziehen sich meine Braunen hoch; die runzligen Falten der Stirn, erzeugen den Wiederschein von: Hilfe.

Ich blicke sie an. Meine Hoffnung, sie lässt mir meine sympathische Pose, erfüllt sich.

Danach fällt mir ein, dass Lola keine Frau ist, welche sich von einem Geheimnis, besonders, wenn sie zu höheren Graden der Verstrickung neigt, vertreiben lässt. Sie harrt der Belohnung mit stehendem Schwung, wie ein Kolibri, der vor dem Kelche ruhig flattert. So ist ihr Wissen, um mein zwielichtiges Anliegen, nur Anlass genug, weiter zu machen. Das ist mir selbst fremd, doch rückwärts betrachtet, war ich mir auch nicht sicher, ob mein alter Hippocampus, die Schleusen öffnen wollte:

zum Fall meiner Triebe.

Wobei, das weiss ich aus Erfahrung, er nicht willig wird, wenn mein Geist kürzer denkt, als die lange Evolution, die er zu verwalten hat.

„Ich glaube mein Glas ist leer.“ , sagte ich zu Lola, als ihre Augen den vollen Kelch suchen. Sie fand ihn in dem Satz:

„Wir sehen uns doch noch später, oder?“, wiewohl sie meine Hand streichelt und spricht:

„ Jetzt ist es ungünstig, denn Freunde sind noch hier.“

Ich nicke verständlich und begleite sie mit meinen Augen -.

Lola bewegt sich graziös durch den engen Gang, zwischen Tresen und Wand; so als tanzte sie auf einer grossen Bühne. Federhaft schwingt es hin und her, freut sich ihrer und nimmt die bunten Töne war, welche aus ihrem Orchester springen.

Ein Musical, fällt mir ein. Nicht weil Lola als Balletteuse Oper oder Operette nicht mögen würde, sondern weil die bunte Ordnung, im Einklang mit ihrer Empfindung steht: Chaos und Schönheit in ihrem Körper zu vereinen.

Das war bis in ihre späte Jugend so. Heute schreibt sie Bücher mit sicherer Hand, wie die Einheit im Fleisch zu finden sei; denn über die Zucht des Körpers, der Pracht der Farben und der Macht von Tönen: die Wunder, Wild und Schön einander ergänzen.

Mein Herz vibriert, als Lola ihre Natur der Pflicht opfert, an Männern vorbei zu schlüpfen, deren Verzückung ihr egal ist.

Als meine Brust nicht aufhörte zu vibrieren, fühlte ich mein Telefon schlagen.

Ich fasse in die linke Tasche des oberen Jackett‘ s und denke beim umfassen

des zitierenden Gerät‘ s: ,Dass wird Sie sein.‘

Diese Frau, die niemals ablässt zu erhalten, was sie will, weil ihr Gebet zu Gott zum Lobe seiner ist und sein – Ja – inhärent, wie der Wunsch den Mann, und nur den, zu bekommen, der den Segen ihrer hat und die Vorsehung ihm verkündet:

Ich bekomme dich bestimmt: dass musst du mir glauben!

Bei einer klaren Eingebung mit endloser Beschränkung, habe ich das Gefühl, dass etwas schief gegangen sein muss, damals in der Kindheit. Denn wer bekommt schon wen oder was er haben will, wenn der Zweifel zu seiner Zukunft gehört; ausser dem modernen Ritter oder Calvinischen Puritaner. Der Eine hat ein verbranntes Gehirn und der Andere die Prädestination, worauf er sich versichert. Doch sie liegt dazwischen, eine Frau mit grenzenlosem Verstand, wechselnd, zwischen GottGeist und MagenTod.

Dieses Wolkenauge erblickte eine Falange von gesprengten Villen, die klare Zeichen zeigten, welche zum Wunsch ihrer Erkenntnis führte, dass ihre Liebe zu seiner Bestimmung gehört; sie fordern lässt:

Ich bekomme dich bestimmt.

Die Zeichen ihrer gemeinsamen Zukunft sah sie ganz bestimmt, von roten Dachziegeln, die über verbrannten Dachstühlen, schwebend schrieben:

Der Windhund? der ist dein!

Und es macht nicht Wunder, dass ihr Gebet, Gott zum Lobe, ein Ja mit einer Angst verbindet, weil sie glücklich zweifelt, was sie gläubig mahnen lässt:

Dass musst du mir glauben!

Ein Seelenarzt könnte mutmassen, dass ihre Erfahrung an der Liebe, sich auf das Erleben, schlicht betrogen oder dümmlich verführt worden zu sein, stützt

und ein Gefühl von Höllenkreise schafft, die sie einst mit Dante teilte.

Sie weiss seitdem:

Wo der Teufel waltet, dort, die Liebe er spaltet!

Weil er zerstört die Harmonie von Mann und Frau, göttlich, doch teuflisch unberechenbar, die heilige Moral zur Hure werden lässt; auch bei starkem Wissen und guter Erziehung, das Böse in keine Ordnung fügen lässt.

Der Teufel liebt den Nebel, wo er im Verborgenen webt, am Leichentuch der Liebe!

Seine Verhaftung ist fast demokratisch, doch eine Vernehmung gibt es nicht, denn das Fragen macht nur schwach. Der Teufel kommt einfach aufs Podest, wo er zum Herrscher der Kunst erhoben, auf einer Bühne steht. Dort stellt er zur öffentlich Schau, die Anstalt der vielen Geschlechter, den Edelknast beschränkter Haftung, die Liebe im pharisäischen Käfig, und nennt es: Theater.

Wo alle lachen können und Schadenfroh macht, weil die List da zum Schwächling wird, wo sie einst die Lüge kräftig deckte. So macht das Leben wieder spass, weil nicht betroffen und mit Abstand zur Bühne, gar gläubig, mithin gesund. Auch bleibt ein Schauder bei der Teufel‘ s schau, denn ohne Furcht auch sie nicht glaubt, dass ihre Vernunft lange wehrt.

Denn lauert Gefahr, wenn die Kunst zum Leben, der Reiz zur Wahrheit wird, und ihn vergnüglich macht, den Teufel von der Bühne springen lässt. Darum übertreibt sie nicht, nur im hiesigem Theater. Warum sie jedoch, einen Mann von alter Zunft, der die Freiheit am Freien und nicht die Eine liebt, die Liebe lieber liebt als liebend harrt, ist nur begreifbar, wenn Keiner nicht sagt: Hallo? das geht doch nicht!

Denn warum sollte sie den zünftigen Mann mit einer Liebe von langer Wirkung quälen, wenn der einzelne Mensch, ganze Völker sich mühen, leidend, liebend und wechselnd  gekitzelt zu sein.

Nur eine Frau, die auf höherer Erkenntnisstufe wandelt, kann, indem sie höher steigt, mit Flügeln aus fedrigem Gold, zu Gottes Sternennest flattern, um dort, am Urort ihrer Gefühle – ein Ei zu legen. Hier droben hofft sie mit mütterlichem Instinkt:

Es soll werden ein KuckucksKind.

Wenn der Erwählte als Adam das verhindern will, sollte er es tuen, mit Phantasie, die er mit blanken Schneeflocken füllt und zum Himmel schickt, welche angekommen, von Sonnenstrahlen gebrochen, ein nächtliches Tierchen schafft. Mit dem Wirrwarr an Funken erschrickt sich das Kuckucksei, rollt von Rand zu Rand, bis es aus dem Urnest fällt und hinterlässt: Ne Nachtigall.

Jugendlich trällert sie durch die Nacht mit Glocken aus Stimmen, die blanken Flocken am Himmel zu Sternen stösst, welche am Ende auf die Erde sich legen, die sie weihnachtlich schmückt. Bis das Firmament dunkel wird und in der Ferne ein letztes Sternlein leuchtet, welches strahlend in Adams Auge fällt.

, Er sitzt auf einem Stein, unweit von ihr. Sie steht an einem Bach, der in die Tiefe fällt und hinauf – ein wütendes Grollen schickt. Ihr schauert‘ s,  doch bleibt gelassen, weil sie schon gebetet hat. Breite Zöpfe hängen vom Kopf und fallen gerade auf ihr Herz hinunter. Auf ihnen glitzern lebhafte Fädchen, wie ein Bergbach aus Lametta. Ein silberner Fisch kommt plätschernd heraus und schlittert herunter bis zur Brust. Zwei Striemen aus Hirschleder zieren Beide und halten Unten eine Hose, die zünftig unter dem Knie enden. Dort glitzert eine Schnalle. Sie baumelt leicht und harrt offen, als würde sie auf etwas warten. Über die flache Brust hüpft der silberne Fisch, im freien Fall der Schalle entgegen. Dort verhofft er, wie ein schmales Reh am Waldesrand, dass etwas zu befürchten hält und lässt sich rosa Flügel wachsen.

Mit Grazie schwingt das Fischlein weiter,  gleitet an grünkarierten Kniestrümpfen vorbei, elfenhaft, den Sternen entgegen. Unten landet sie aufrecht auf ihren Flossen, schaut zum Stein, wo er sitzt und wartet. Das silberne Fischlein sieht ihn an, beugt den Kopf galant nach vorn, während die Flosse sich hebt und legt auf ihr Herz. Dann spricht Sie mit Anmut, doch vertraut:

Albert, sag, wie hättest du mich gern?

Er spricht verschmitzt, doch archaisch männlich:

Werd zu meiner Rippe, dann zeig ich‘ s dir.

Kaum hatte er es gewollt, geschah es so, wie er es sagte.

Sie, die noch am Bache stand, der in der Tiefe rauscht, wirft ihre Zöpfe und spricht mit empörter Stimme: Was soll das? Ich bin hier:

Und Windhund, du gehörst nur mir!

Albert formt an sich und seiner Rippe; spricht:

Alles was du willst, nur nicht mich!‘

„Aletheia, Italia 2“ ,

leuchtet es auf dem Display, wie vermutet – und lasse das iPhon, wie immer – zittern.

Auch wenn mir mein Verständnis von Höflichkeit nicht abhanden gekommen ist, lasse ich es noch weiter vibrieren und stecke es schliesslich wieder ein. Zu meiner Entlastung sei angemerkt, dass ich das Klingeln nicht durch Knopfdruck beende, und ihre Würde  stärke, weil mein Schweigen ihre Hoffnung nährt, dass ich nur betrunken bin. Leider bleibt der Zweifel, dass sie mein Gutes nicht schätzt. Und immer habe ich‘ s versucht, mich mit Worten zu empfehlen: „ Jetzt geht es wirklich nicht.“, doch ohne Erfolg.

Mit der Zeit setzte sich jenes Handeln durch, welches die evolutionäre Anpassung schätzt und die Nische des Mutanten obsiegen lässt, denn:

Schweigen, kann wie essen sein!

Ich stehe immer noch mit dem Gesicht zur Wand, mein Geschmack ist bei einem Gericht, dessen Sosse dunkelbraun, wie der Boden auf dem ich stehe ist; Gerüche machen Bilder und Worte Zehnen, die mich erinnern an ein Buch. Es erzählt von Berlin und heisst wie jene Zeit: Im Schlaraffenland.

Ich will die Seite und suche mein iPhon, dass meine Welt des Wissens ist. Mit schnellen Fingern gebe ich den Namen des Schriftstellers ein; es ist Heinrich Mann.

Sie findet die Seite und Zeile recht schnell und ich lese:

Liebe, kann auch Maulsalat sein.

Dann beginne ich zu lesen:

„ Aber sie erblassend die Augen; seine Lippen waren kalt.

Sie wollte sie an den ihrigen wärmen; ließ sie nicht ab. Endlich musste sie sich seinem Willen fügen, und sie lebten fortan, ohne Vorwurf und ohne einen Herzenslaut, in einer lauen Atmosphäre verjährter Freundschaft, die einen guten Tisch und wohlgepflegte Weine braucht, um bei Laune zu bleiben. Adelheid bestellte eigenhändig seine Tafel, sie benutzte seine Ehrfurcht vor den Künsten des Luxus, um sich verstohlen in sein Dasein einzuschmeicheln, das ohne Umschweife ganz ihr hätte gehören sollen. Sie fuhr selbst zu Huster, um Krammetsvögel zu bestellen, Kaviar holte sie von Schischin und Krebse von Martini. Ihre Gedanken an ihn verneigten sich ganz und gar mit der Sorge um zarte Bissen, und am Ende tat es ihr kaum noch weh, dass ihm am wenigsten ungelegen kam, wenn sie eine neue Leckerei mitbrachte. Beim Nachtisch erklärte sich der Erfolg.

Adelheid hatte eine Minute des Schmerzes zu überwinden.

,Wo weilt seine Seele?‘ fragte sie sich.

, Was vermag ich über sie? Ach, ich wirke nur auf seine Zungenwäzchen.‘

Und das verbleibende Verhältnis auf der Grundlage liebevollen Vertrauens, wovon sie geträumt hatte! Es ruhte jetzt auf der Grundlage von Rehpastete und Ochsenmaulsalat.“

„He, Albert, welche Frau hat dir geschrieben?, oder beantwortest du eine eMail, die ich dir schrieb, im letzten Jahr?

Ich werfe auf, wie ein Hirsch und suche im Geäst nach seinem Namen:

„ Heee, nee, ich lese gerade nach: Die Leidenschaft im Ochsensalat.“

„ Jaa! Und? Machst du draus was sämiges, wie: Ochsenschwanzsuppe?“, stösst Brutus lüstern aus seinem Mund, als röche er schon das Fleisch, das ihn hungrig munter macht.

Dabei trampelt er lustvoll von einem Bein auf‘ s Andere, gleichwohl einem hicksenden Lachen, welches seinen Oberkörper hüpfen und krümmen lässt. In kurzen Intervallen verbeugt er sich, als würde ich der König sein. So richtet dieser seinen herrschaftlichen Blick auf das obere Haut, das am Rand durch graue Haare glänzt, die im innern einen Spiegel halten; zusammen mit der Glatze, gebären sie – einen Heiligenschein.

Auf ihm spiegelt sich mein Gesicht, das durch jene unebene Natur, mich als Fratze wieder kehren lässt. Als er auftauchte sah ich in seinem Gesicht, dass lustvolle Blitze von Schadenfreude, die auf dem Wasser seiner Unschuld oberflächlich funkelt. Nach einer Weile nahm seine stosshafte Freude ab. Ich stehe daneben und überlege, wie ich sein lachendes Nirvana erhalten könne und skandiere mit stolzer Miene:

„ Lieber Brutus, ja, ich habe die Leidenschaft verloren, als ich mich zum Kapitän, auf dem Flaggschiff der Liebe machte!“ , gleichzeitig schlage ich die Hacken zusammen und salutiere in Haltung dazu:

„ Oh Mädchen, stürze dich nochmals ins Wasser, damit ich ein zweites Mal Gelegenheit habe, uns beide zu retten!“

„Neee! “, entgegnete Brutus und schallte halb streng noch weise:

„ Jaaa, so eine Schönheit wollt ich dir schenken, im letztem Jahr:

Albrecht – dass weisst du ja?“

„ Mm, meinst du deine ominösen eMail?“ , entgegnete ich, währenddessen mich ein fremder Mann rammte, der sich keinen anderen Rat wusste, als forsch zu sein, um halbwegs schnell zum Abort zu gelangen, der seine Rettung zu sein schien; im Abgang höre ich sein: Tut mir leid.

„ Jaa, Neee, die Frau brächte dich in Schwung und über Bord geworfen hätt sie dich auch – meinetwegen – um dich zu retten:

Doch, hinterher gesprungen währ sie nitt!“

„ Ach, und das wolltest du mir in deiner eMail mitteilen!“ , mein Lieber?

„Weisst du noch wie du sie nanntest?“

„ Moment -“ , sagt er, „ ich glaub:  Lovely Submaso!“

Ich lege drei Finger auf meine Schläfe, neige den Kopf leicht seitlich und schüttle ihn sinnlich.

Nach einem forschenden Blick setzt Brutus zu einem Lachen an, dass vom Kolkraben, der gemächlich sein Revier überfliegt, dabei krächzend, monotone Laute von sich gibt, wandelt, in einen kecken Grünfink mit Bauch, der sein Entzücken über das gehörte von ganz Oben, laut und schnarrend vom Aste tirilierend kommentiert.

, Der Ton klingt wie eine tollwütige Trillerpfeife‘ , denke ich.

Währenddessen stampft der mopsige Matz, wie ein Schimpanse auf einem Zweig, lustvoll, von einem Bein auf‘ s Andere, und gepaart mit dem schnappen nach Luft, den Oberkörper wechselnd krümmen lässt. Durch die Wiederholung fliegt Brutus in ein Koma, worin er verharrt und ich auch, betrachtend seine Glatze. Auf ihr fliesst sein Spiegel auf einer runzlige Oberfläche dahin, wie ein zäher Honig die kantige Wabe herunter. Mein Spiegelbild ist so entstellt, wie auch die Würde, welche seine Glatze durchaus hat, wenn sie sonst zum Himmel blickt.

Und nun sehe ich etwas flirren! – Auf seinem gesenkten Kopf, zwischen Haut und Heiligenschein, eine graue Leuchtreklame – schwach kryptisch flimmern:

Es sind Zwei.

Zuerst sehe ich eine Hand und dahinter ein Wort, dass ich als „ Bett…“ ersehe, was mich müde gähnen lässt. Doch als Brutus auf der Zielgeraden, in den letzten Zügen seiner Lust, sich devot ein letztes mal neigt, sich der Rest des Wortes zeigt:

Bettler!

, Ich habe eine Frage‘, deucht es mir.

In welchen Spiegel ich auch blicke, sollte nur ein Albrecht sein – und kein GlatzenProphet im Heiligenschein, der mir weissagt ne Lebensart von Pein!  Doch wenn ich‘ s recht bedenke, ist mir gleiches – selbst mit mir passiert, denn:

„In der Einsamkeit, und noch dazu, wenn man Müde ist, hält man sich nun einmal gerne für einen Propheten.*“

Darum trägt der gelbe Zweifel grüne Früchte, welches mit Hoffnung der Galle ein Ganzes schafft, dass graugeblümt zu vermitteln weiss:

Bleib Gelb genervt und flexibel Grün, so bleibt alles philosophisch offen.

Doch ist es ein Wink auf eine Zukunft? die Brutus mit dem Wunsch verbindet, mich noch einmal auszulachen, sollte ich mein handeln danach richten, verschlagen – man möge mir milde vergeben – um ihn wieder los zu werden. Denn nicht‘ s ist kläre‘ r für die eigene Macht, welche an der richtigen Stelle, man nach zu geben weiss. Gleichwohl dem deutschen Kaiser, der in die europäische Geschichte Einzug hielt, indem er vor dem Paps wissend sank, um auf Knien Vergebung zu fordern:

Im Canossagang.

Auch wenn ich keine Büsserkutte trage, sondern ein Jackett von Wolfgang Joop, vollziehe ich meine Einsicht, durch eine Beichte mit dem Satz:

„ Ich gleiche einem alten Bettler, der eines Tages – in einem Café – meine Hand nicht loslassen will.*“

„ Nee“ , schnarrte Brutus wieder wie der Grünfink zeternd: „ Das kommt nicht von dir -  ist – doch nur geklaut!“

„Ja, wie alles was ich sage!“ ; ein verschmitztes schmunzeln weicht aus mir.

„ Bei dir weiss man nicht was er so meint!“ , warf er mit der dritten Person ein und: „ Du bist auch nur ein Postbeamter, der mit seiner fauliger Tinte, anarchische Rechnungen schreibt.“, fügt er hinzu.

„ Das kenne ich irgendwoher“ , Moment, sage ich zu Brutus – war das nicht eine Mail vom letzten Jahr? Da kichert der kleine Grünfink in sich hinein und der graue Schnabel bleibt stumm.

„ Moment, wann war denn das genau?“

Er antwortet: „ Zu Weihnachten.“

„ Uno Momento – warte – das ham wir gleich.“ , und suche nach der Spur, mit meinem Finder im Telefongerät.

Brutus meint nun recht verlegen: „ Lass das bloss sein, das war nur so – bloss schnell niedergeschieden.“

Poststelle, gebe ich dem iPhon ein und finde: Meine Poststelle – Z.B.V.

„ Brutus, ich hab‘ s und jetzt lese ich dir vor: Mein geschlagener Knecht!“

Erst geknickt und dann entzückt antwortet er:

„ Neee – Meinetwegen.“

Ich öffne die Datei und beginne zu lesen.

„ „ Eine Sachbearbeiter-Stellenbeschreibung für Albrecht:

“Ich bin Α und Ω”, spricht Albrecht, der Herr. “Ich bin der Erste und der Letzte, und der Anfang und das Ende,und der Herrscher über die ganze Poststelle”.

Und er spricht weiter: “Ich bin der Herrscher über eure Gedanken,

ich begleite sie von Geburt an. Ich bin der Bewahrer all dieser beamtenmäßig-hierarchischen Strukturen, die die Verteilung dieser sinnlosen Briefe und Pakete initiieren. Ich organisiere euch den Umlauf und das Sterben ewig wiederkehrender Verwaltungsprozesse, die nur dem einen Zweck dienen, nämlich sich selbst am Leben zu erhalten, um damit die physische Existenz all der Beamtenärsche und ihrer vermaledeiten Bürokratie zu sichern”.

Und er stößt eine letzte wüste Verwünschung aus:

„ Bald komme die Zeit, wo eine Sintflut aus stinkender fauliger Tinte sich über jeden einzelnen von euch ergießen werde. Es lebe die Anarchie!“

“Amen“, spricht Brutus Stempel, sein blau geschlagene Knecht. „ „

 

Kaum ist die letzte Silbe verklungen – was soll ich sagen – fängt das Lachen von vorne an. Nach ein paar Atemübungen müht er sich zu ende zu kommen und bittet:

„ Such doch noch die andere Mail!“

„ Meinst du: Submaso mit halber Pyramide?“, frage ich.

„ Jaa, die.“

„ Ah – Moment, ich repetiere, wo du meine Gefühle beschreibst, als ich mich in die Frau verliebten sollte, welche du mir dar botest?“

„ Hi, hi – ja die“, mahnt er stolz und grient.

„ Überdies, war sie hundert Jahre jünger als ich: Und dazu – entsetzlich Schön. War das gewollt?“ Er antwortet in seiner Muttersprache mit:

„ Wasch andersch brauscht du nitt!“

Ich antworte freundlich bestimmt:

„ Jetzt lese ich vor und danach, mein lieber Künstler Brutus, sagen ich zu dir: Adieu!“

„ Neee, ja, ja: – Wie du willscht – O.K.“

VonBrutus@zurLiebe.teufel

An Sie

love@com.

Lovely Submaso,

hier ist Mail von Albert,

ich dir andrehen große Liebe,

ich dir verkaufen ganz großes Glück,

ich sowieso immer mehr nach dir verrückt,

ich Peitsche schwingen laut, heftig und viel Knall,

du stürzen vor mir auf Erde, machen ganz tiefen Fall,

ich dir besorgen viele, viele, viele Explosionen feurig Glück,

du werden nach mir noch ganz, ganz lovely-submaso-Al-verrückt,

ich Sadomino, du Submaso, du mir und mein, soll in alle Ewigkeit sein.

Jetzt reicht mir’s aber, hör’ endlich auf zu flennen, ich dreh’ bald noch durch.

„ Siehst du Brutus, und damit ich nicht verrückt werde, gehe ich jetzt dort hin, zu diesem schönen Weibe: Ist Sie nicht prachtvoll Stolz und für mich wie geschaffen: Nitt?“

 

 

 

* Oscar Wilde

Am Tag danach: Nachtbegegnungen im Kiez   (letzter Teil)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Am Tag danach: Mein erstes Almosen

Berlin: Tage im Leben des Albert K.

Zusammenhang

Berlin ist die Hauptstadt unserer Republik – dort lebt seid kurzem Albert K..

Wenn er durch die Strassen geht, bekannte Häuser kennenlernt oder andere Menschen ansieht, bekommt er neue Eindrücke, welche sich mit alten Erfahrungen abgleichen und zu Fragen führen, die er zu beantworten sucht. Nur manchmal ist ihm klar, was er dort an neuem sieht – kommt bekannt aus seiner Natur, wo er herkam.  Nur langsam wird ihm offenbar: was diese helle Welt im dunklen sie zusammenhält.

Hier werden Tage aus dem Leben von Albert K. erzählt, welche vom Tag zuvor erlebt , über Nacht geboren und am nächsten Tag nieder geschrieben wurden.

Addendum:

Albert K. schreibt selbst. Doch alles ist erfunden.

 

Am Tag zuvor: Mein erstes Almosen

Eigentlich wollte ich früher als notwendig zu meinen Termin, um noch die letzten warmen Sonnenstrahlen auf meinem Gesicht zu erleben, welche im April nur schwach, doch wirksam scheinen. Und als ich meine Lederjacke von der Garderobe anheben wollte, um sie aufzusuchen, hörte ich im Nacken meiner Wahrnehmung eine Stimme, welche von hinten zu mir drang. Als ich mich träge wendete, sah ich Heiner B., der sich seinem Gast gerade zuwandte; es war Jürgen T. von den Grünen. Meine rechte Hand sank mit meiner Jacke von der Garderobe, während der grauköpfige Moderator seine erste Frage an seinen Gast richtete. Nach dieser hob ich meine Jacke wieder in den Zustand zuvor, zog meine Turnschuhe aus und setze mich vor die Glotze.

Eigentlich wollte ich früher als notwendig zu meinen Termin, um … ich weiss! – doch interessierte mich das Thema so sehr, dass mein sonniges Vorhaben im trüben Verzicht mündete. Am ende des langen Gesprächs war ich ein wenig verwundert, denn obwohl die Show – Das Duell – heißt, waren sich beide Duellanten offensichtlich einig. Was mir nicht unangenehm war, denn auch ich könnte mit Beiden nicht streiten: zumindest nicht über den strahlenden Ausstieg.

Als ich aufbrechen musste, war es eigentlich schon zu spät nachzudenken, was mir für meinen Termin noch fehlte. Daher bat ich meine Augen um mithilfe.  Am Eingang zum Flur, als sie auf dem hölzernen Tisch stehen blieben, welche eine grüne Schale barg, wurde ich aufmerksam. Von dort aus strahlte mattes Kleingeld aus metallenem Grunde zu mir auf und drückte solange auf meine Erinnerung, bis diese gequält in mich etwas ausspie. Mir wurde fasst übel, bei der Vorstellung, dass diese Münzen – klein an Wert und dreckig an Hülle – seid Monaten meinen geliebten Tisch verunstalteten, der mich an etwas wertvolles erinnerte. Seid langem wollte ich mich des lästigen Kleingeldes entledigen, welches aus Händen von Kassiererinnen und Kassierern mit freundlichem Abschied über mein Portemonnaie in das hoffnungsvolle Grün meiner Glasschale polterten, um dort jene harmonische Rundung durch eine matte Ebene zu vergiften, die ich liebte. Ich griff mit der rechten Hand entschlossen in die bleiern verspannten Münzen und stecke sie in die linke Tasche meiner Lederjacke. Dann eilte ich aus meiner Wohnungstür die Stufen hinunter, zögernd zu denken, stehend zu bleiben, wieder wendend, zurück zu eilen, um die von mir verschlossene Tür auf ordentlichem Verschluss zu prüfen; was sie immer war. Jedes mal frage ich mich dann, wann der Tag kommen wird, wo mein Verstand mich mutig weiter treibt und den Zweifel meiner Zweifel zerstreuen wird.

Als ich nach fünf Minuten an der Eberswalder U-Bahn Station angekommen war, zeigte die Tafel noch eine Minute bis zur Ankunft des nächsten Zuges an. Als ich mich mit dem Automaten beschäftigte und er zögernd zum Empfang meines Geldes bereit war, musste ich nicht wie üblich mein leichtes Portemonnaie suchen, denn mein Zahlungsmittel war seit fünfeinhalb Minuten sehr präsent in meiner linken Jackentasche zu spüren. Dieses Gefühl der Präsenz sollte auch so bleiben, denn als etwas mein Haar in die höh hob und es wieder senkte, stand der Zug neben mir und ich immer noch vor dem Automaten. Eine Münze nach der Anderen begutachtete das technische Ding, als wären es Edelsteine, die er Wichten und zu prüfen habe. Als das Herz fasst meiner Aufregung erlag, die Tür neben mir noch zu erreichen, blieb der Apparat gleichmässig und druckte gemächlich die Fahrkarte. Auf mich wirkte dieser letzte Akt wie ein Beamtenspaziergang bei Vollmond, der in mir ein somnambules Narkotikum freisetzen sollte.

Als der Boden anfing unter mir zu wankten, hatte ich immer noch den Eindruck, dass mein Haar sich in die höh hob und wieder senkte, als stände ich noch neben dem Gleis. Erst als sich der Boden unter mir beruhigte, fremdes an mir vorbei huschte und es wieder zu wanken begann, kam ein neues Gefühl hinzu. Es wurde dunkler und ich begriff langsam, dass die Oberbahn der Schönhauser Allee gerade dabei war, in die Erde zu schweben. Das war ganz und gar nicht gut, denn der Moment des Ausstieges lag drei Flügelschläge hinter mir. Leicht enttäuscht von meiner Schwäche, stieg ich die nächste Station aus. Dort unten fühlte ich mich wie ein Maulwurf, der aus der Gegenrichtung auf einen Wurm warten musste, welcher mich weiter brächte. Die einzige Analogie zur oberen Welt bestand darin, dass mir nicht daran gelegen war ihn zu fressen, sondern kostenlos zu nutzen.

In diesem Augenblick hörte ich im Nacken meiner Wahrnehmung eine Stimme, welche von hinten zu mir drang. Als ich mich träge wendete, sah ich einen matten jungen Menschen mit einer Zeitung vor mir stehen, der mich um etwas Kleingeld bat. Er benannte noch einige Gründe für sein Anliegen, die mich nicht nur nicht interessierten, sondern auch anwiderten. Als ich mich abwenden wollte, bemühte – der leicht gebeugte Mann – noch seine Zeitung, meine Aufmerksamkeit zu erwecken, welches ihm nicht gelang. Doch als ich beim umdrehen meine schwere Jackentasche auf meiner linken Lende dumpf aufschlagen spürte, ist meine große Abneigung an mein Kleingeld kleben geblieben und, – mich dieser schweren Last zu entledigen. Ich schlüpfte mit meiner Hand in die linke Tasche, umgriff alle Münzen zu voller Faust, um dann, in einer beseelten Verwunderung über mich selbst, dem Verschmähten alles zu übergeben.

In diesem Augenblick dachte ich an die Kosten meiner Rückfahrt und ließ die Hälfte wieder fallen, die für mein Wohl von Nöten war. Die Verbliebenen hob ich aus der dunklen Schatulle, zögernd, denn mir wurde nunmehr klar, dass diese Fracht wertvoll war. Ich sah mich schon wieder inne halten, bei mir, im vertrautem Gefühle, als der Bruchteil jenes Augenblicks vergangen war, der mich zurückhalten lassen sollte: Mein erstes Almosen – zu spenden.

Ich war erstaunt, dass meine Faust schneller war als mein Geist, der nur noch registrieren konnte, was mit ihm geschah. Danach, fast Gleichzeitig zog mich eine innere gesichtslose Unruhe vom Ort der Übergabe weg, mit der sinnlosen Hoffnung, den Wurm anzuziehen, welcher mich fort bringen würde. Stattdessen, nach kurzer Stille, überhäufte mich eine matte Stimme mit glanzlosen Worten von Dankbarkeit, die mich verfolgte. Ich ging der dunklen Anziehung meiner Erlösung solange entgegen, bis die sprechenden Laute aufhörten zu tönen und sich in einer neuen Aufgabe wieder wiederholten.

Ich stand nur so da, als mein Haar sich in die höh hob und wieder senkte und ein grollend Wurm mit einer gelben Prozession an Segmenten in meine graue Grotte stieß.

Als ich auf der nächsten Station ausstieg, um über die Schönhauser Arkaden weiter zu eilen, traf ich wieder den matten Mann mit der leicht gebeugten Brust. Als ich ihn flüchtig ansah, bemerkte er mein hinwenden sofort und betete Wellen von Bitten; an mich zu gerichtet. Als ich ihn mit den Worten – ich habe gerade … – unterbrach, blickte er mir überrascht in die Augen. Und nach kurzer sternenklarer Stille, überhäufte er mich wieder mit matter Stimme, glanzloser Worte, seiner Dankbarkeit, die ich kannte; sie waren gleich der Stimmen aus der Grotte!

Doch diesmal haben sie mich nicht mehr so beschwert, wie beim ersten Mal – vor vier Minuten. Vielleicht lag es daran, dass die leichte Sonne mich aufmunterte und die schweren Münzen, mir ein Gefühl von Sicherheit gaben.

 

 

Bin ich romantisch?

Bin ich romantisch?

Um diese Frage zu beantworten, wollte ich einen einfachen Weg wählen; mir einen Spiegel vors Gesicht setzen lassen, der heller ist als die Wirklichkeit: das Theater!

Welches? das war leicht zu entscheiden, denn ich wurde eingeladen.

Ein reifer Zufall eines neuen Freundes?

Es war ein Stück von Theodor Fontane; es hiess „Irrungen, Wirrungen „ .

Aufgeführt im Staatstheater an der Parkaue

Berlin; 26.März 2011 (letzte Aufführung)

(Bearbeitung: Sascha Bunge)

Die Hauptfigur war der Baron Botho von Rienäcker; gespielt von Stefan Faupel.

Ich kenne Stefan noch nicht lange; auch nicht auf der Bühne.

Doch weiss ich um seine persönliche Ausstrahlung, die mir schon bei der ersten Begegnung auffiel; ja, mich sympathisch umfing.

Nun dann, war ich interessiert an seiner jetzigen Wirkung auf mich, zum einen, ob mein Eindruck richtig war, und zum anderen, meiner Frage willen.

Denn wenn er seine Rolle gut spielte, wäre eine Antwort gegeben, die nach meiner romantischen Neigung; vermittels seiner Wirkung auf mich.

Denn wenn ich unvernünftiges und massloses Verlangen in mir spürte, wie ein fesselnder Traum bindend, dann wüsste ich um meine Sehnsucht: mein flirrend Herz.

Er war ambivalent, der Herr Baron;

wie er sein konnte,

hin und her gezogen,

wie sein Herz es musste,

zwischen Ehr und Herzen,

 

sich gebend und zehrend,

charmant und romantisch

nachdenklich auch pragmatisch;

alles zusammen: überzeugend!

 

Ich habe meine Antworten durch dich gefunden, und,

mein lieber Baron, dafür gebührt dir Dank und Ehr!

 

Es war wohl kein Zufall, denn Fügung; weil grosses erlebt ein Romantischer nur einmalig: eben göttlich.

 

Ein Addendum

mit  Sascha Bunge

von Yvonne Niekrenz

Liebeserklärungen – Intimbeziehungen

Bin ich romantisch?

Zunächst einmal ist davon auszugehen, dass die Phase des Verliebens auf einer bei beiden Partnern vorhandenen Bereitschaft beruht, eine Intimbeziehung einzugehen.

Diese Bereitschaft resultiert aus dem Wunsch nach einer Neudefinition des Selbst. Die romantische Affektion (Erregung, [krankhafte] Reizung) wendet sich deshalb an Individuen, denen subjektiv (persönlich, nicht sachlich, parteiisch) eine Unterstützung des eigenen Lebensentwurfs zugeschrieben wird. Die soziale Konstruktion der „romantischen Verliebtheit“ kann jedoch nur dann als solche verlaufen, wenn die Konstruktionsmechanismen (wie soziale Wirklichkeiten konstruiert werden) von den Interaktionspartnern (aufeinander bezogenes Handeln – Wechselbeziehung) nicht bewusst

oder thematisiert werden. Der Zustand der Verliebtheit wird vielmehr „erkannt“ an einer gefühlten Intensität der Sinne und eines gesteigerten Lebensgefühl, in der Zuneigung und sexuelle Leidenschaft gleichzeitig bestehen, an der gegenseitigen Bestätigung des eigenen Selbstbildes und am subjektiven Gefühl, einen einzigartigen Menschen, der allein zu einem „ passt „ , gefunden zu haben. Die romantische Beziehung basiert darüber hinaus auf Treue und Exklusivität – gleichzeitige romantische Beziehungen zu mehreren Personen sind nicht möglich. Ihre Spezifika im Vergleich zu anderen Beziehungen liegt damit in ihrer „ Reinheit „ . Die romantische Beziehung ist prinzipiell eine ganzheitliche

(…) : unvernünftig, masslos, unbegründbar, uneingeschränkt, auf den anderen in seiner Einzigartigkeit konzentriert, aber auch verbunden mit einem neuen, nun (erstmalig) subjektiv sinnvollen Weltbezug.

Berlin, den 28.März 2011

 

Am Tag zuvor: 27.April

fleix papi